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19.07.2012

Investitionen in Landwirtschaft: Interview mit UNAC

80 Prozent der MosambikanerInnen leben von der Landwirtschaft. Wie kann eine nachhaltige und kleinbauernfördernde Landwirtschaft aussehen? Dazu sprach SODI-Projektmanager Andreas Bohne mit dem nationalen Koordinator des mosambikanischen Kleinbauernverbandes UNAC, Luis Muchanga. Das Interview erschien in dem aktuellen Mosambik-Rundbrief.

Mosambik-Kooperative Frauen

Andreas Bohne (AB): Luis, könnten Sie UNAC kurz vorstellen? Wann wurde UNAC gegründet und was sind die wichtigsten Ziele?

Luis Muchanga (LM): UNAC ist eine nationale Bewegung von Kleinbauern in Mosambik, die 1987 gegründet wurde, weil sich seit Mitte der 1980er Jahre das politische System in Mosambik von Sozialismus in Richtung Kapitalismus wandelte. Im Sozialismus unterstützte die Regierung die Bauern, aber im neuen System – wenn wir vom Kapitalismus oder Neoliberalismus sprechen – übernahm und übernimmt die Regierung kaum Verantwortung gegenüber den Bauern. Um sich zu wehren und mit der Regierung diskutieren zu können, haben sich die Farmer organisiert. Das erste Treffen fand im April 1987 mit Bauernvertretern aus dem Norden, Süden und dem Zentrum des Landes statt. Zu dieser Zeit befand sich Mosambik noch im Bürgerkrieg zwischen RENAMO und FRELIMO, daher haben wir zunächst in Form von lokalen Zellen gearbeitet, bis nach dem Friedensschluss 1994 UNAC offiziell registriert wurde. Seit unserer Gründung haben wir unsere Strategien immer wieder hinterfragt und weiterentwickelt. Unsere aktuelle Strategie 2011 bis 2015 definiert vier Ziele. So wollen wir einerseits für unsere Mitglieder einen besseren Service bieten und das Empowerment von Mitgliedern und die Organisation von Farmervereinigungen stärken. Zum Zweiten wollen wir die Produktion und Produktivität steigern, aber auch den Marktzugang verbessern. Drittens soll das Mitspracherecht von Bauern in politischen und öffentlichen Diskussionen verbessert werden. Übergreifende Themen und Ziele zu Gender, HIV/AIDS, Jugendlichen und dem Klimawandel sollen zuletzt in verschiedene Aktionen einfließen.

AB: Wie viele Mitglieder hat die UNAC jetzt und wie ist die UNAC organisiert?

LM: UNAC hat gegenwärtig im gesamten Land 86.000 Mitglieder. Diese einzelnen Mitglieder sind in Verbänden und Kooperativen organisiert. In ganz Mosambik zählen wir mehr als 2.100 Verbände und Kooperativen. Dann haben wir 86 Bezirksverbände und sieben Verbände in den Provinzen.

AB: Gibt es einen bestimmten Grund warum UNAC seine jährliche Hauptversammlung dieses Jahr in Tete durchführt?

LM: Dass die Jahreshauptversammlung in Tete stattfindet liegt an unserem Rotationsprinzip. Gleichzeitig wollen wir die Versammlung nutzen, um uns mit den Opfern von Cateme zu solidarisieren. [Anmerkung: Im Januar 2012 wurden in Cateme / Provinz Tete, Demonstrationen von der Polizei gewaltvoll niedergeschlagen und Demonstranten verhaftet. Die Blockade richtete sich gegen nicht eingehaltene Entschädigungen für Umsiedlungen, die im Zuge des Kohleabbaus des brasilianischen Unternehmens Vale, getätigt wurden].

AB: Wie ist UNAC international in Netzwerken oder Partnerschaften vernetzt?

LM: UNAC ist ein Mitglied von La Via Campesina und von OCPLP (Organização das Cooperativas dos Países de Língua Portuguesa). Seit 2004 sind wir offizielles Mitglied bei La Via Campesina [A.d.R.: La Via Campesina, „der bäuerliche Weg“, ist die internationale Bewegung von Kleinbauern, Landarbeitern und Landlosen. Hauptziel ist eine umweltfreundliche, kleinbäuerliche Landwirtschaft, die in erster Linie die Versorgung der lokalen Bevölkerung sicherstellt]und waren damit das erste afrikanische Mitglied. In dieser Zeit wurde UNAC der Ort für das erste La Via Campesina-Büro in Afrika, was eine große Verantwortung für uns darstellte. Wir haben weitere afrikanische Organisationen mobilisiert, um bei La Via Campesina mitzumachen. 2008 sind zwölf afrikanische Bewegungen La Via Campesina beigetreten. Daher wurde auch entschieden ein zweites Büro in Mali zu eröffnen. Während des letzten Meetings hat das International Coordinating Commiittee (ICC) entschieden, das internationale Büro – welches sich im Moment in Indonesien befindet – nach Afrika zu verlegen. Ab nächstem Jahr sind wir Sitz des internationalen Sekretariats. Das stellt für uns eine große Herausforderung dar.

AB: Wie bewerten Sie aktuell das Phänomen des “Land Grabbing”? Auf der einen Seite zeigten Studien wie von UNAC, JA! oder FIAN, dass es Fälle von großflächigen Landnahmen gibt und gab, die u.a. durch unzureichende Beteiligung und Absprachen zustande kamen. Auf der anderen Seite gab es seit Anfang 2010 bis Ende 2011, als fünf große Genehmigungen bewilligt wurden, keine Landnahme über 1.000 ha mehr.

LM: Ja, der Prozess des “Land Grabbing” geht weiter, aber er ist jetzt langsamer verglichen mit zwei, drei oder fünf Jahren zuvor. Zivilgesellschaftliche Organisationen, Medien und Geber haben das Thema öffentlich gemacht. Zusammen konnten wir Druck auf die Regierung ausüben. Aber das Thema ist aus meiner Sicht noch nicht vorbei, was die aktuellen Beispiele veranschaulichen. Für uns ist “Land Grabbing” ein großes Problem. Warum? Wir sind eine Organisation für und von Bauern und in Mosambik ist Land der wichtigste Produktionsfaktor. Stellen Sie sich vor, Sie haben kein Land – eine schreckliche Situation. Was wir in letzter Zeit ebenso beobachten ist Spekulation mit Land, bei der auch Personen aus höheren Ebenen beteiligt sind.

AB: Im März 2011 fand das erste beratende Forum für Land (Fórum de Consulta sobre Terras) statt, welches von der Regierung einberufen wurde. Wie schätzen Sie das Forum ein, dessen dritte Versammlung im April 2012 in Nampula stattfinden wird. Nimmt UNAC an den Versammlungen teil?

LM: Ja, dieses Forum ist neu und UNAC nimmt an allen Versammlungen teil. Es war keine Initiative der Regierung, sondern entstand auf Drängen von sozialen Bewegungen und den Gebern. Das Land Forum ist sehr wichtig für uns, weil es Druck ausübt und dadurch die Nachfrage nach Land in Mosambik sinken lässt. Jetzt muss die Regierung sich anhören, wie andere Organisationen über Landfragen in Mosambik denken. Aus meiner Sicht arbeitet es aber noch nicht effizient genug und wir müssen noch mehr Druck ausüben, um etwas zu erreichen. Es ist wichtig zu diskutieren, welche Antworten die Regierung hat, um die Bauern zu unterstützen. Die Regierung sagt, dass die Menschen nur fünf Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche nutzen. Das kann stimmen, aber die Regierung fragt nicht, warum das so ist. Vielleicht ist eine Antwort auf diese Frage, dass nicht genügend Kredite zur Verfügung stehen oder ein besserer staatlicher Beratungsservice aufgebaut werden muss. Die Bauern erhalten nur schwer bzw. unzureichend Kredite, die staatliche Beratung in ländlichen Gebieten ist sehr niedrig – und das ist auch der Grund weswegen unsere Produktivität so niedrig ist.

AB: Genau, denn laut eines aktuellen Berichts hat Mosambik die niedrigste Produktivität im südlichen Afrika? Was werden die größten Herausforderungen für die mosambikanische Landwirtschaft in den nächsten Jahren sein?

LM: Ja, es stimmt, dass die mosambikanische Landwirtschaft eine sehr niedrige Produktivität hat. Das Problem sind mangelhafte öffentliche Unterstützung oder fehlender Zugang zu Krediten. Was die Bauern jetzt brauchen ist eine Bank, um die Landwirtschaft zu entwickeln. UNAC fordert so eine Bank, vor allem für die Unterstützung mit Krediten. Wir brauchen Investitionen in landwirtschaftliche Verarbeitung und einen staatlichen Beratungsservice für Wissenstransfer. Wir brauchen Infrastrukturmaßnahmen für ländliche Entwicklung und den ländlichen Raum, um z.B. die Mobilität der Bauern zu gewährleisten. Das ist der Grund für den mangelnden Anstieg der Produktivität.

AB: Wie beurteilt die UNAC den „Landwirtschaftlichen Entwicklungsplan 2011-2020 (Plano Estratégico de Desenvolvimento do Sector Agrário – PEDSA), der Anfang 2011 vom Ministerium präsentiert wurde?

LM: UNAC hat an diesem Plan mitgearbeitet, mitdiskutiert, beraten und Ideen eingebracht. Einige unser Vorschläge sind aufgenommen worden und wir denken, dass es ein guter Plan ist. Die Herausforderung steht aber noch bevor. Mosambik ist ein Meister bei Entwicklungsplänen, Strategien und guten Gesetzen, aber oftmals findet die Umsetzung zu langsam oder nur unzureichend statt. Wir haben oftmals eine Lücke zwischen Theorie und Praxis. Der Plan ist im Großen und Ganzen in Ordnung, aber die Umsetzung ist die Herausforderung, das heißt, den Entwicklungsplan in die Praxis umzusetzen.

AB: Südafrika wird als Brücke nach Afrika für gentechnisch veränderte Pflanzen (GMO) gesehen. UNAC hat darüber vor Kurzem ein Positionsstatement veröffentlicht. Welche Rolle spielen gentechnisch veränderte Nutzpflanzen in Mosambik? Oder dient das Statement dem politischen Hintergrund?

LM: Das Gesetz in Mosambik verbietet gentechnisch veränderte Nutzpflanzen in Mosambik, was wir natürlich begrüßen. Aber in Südafrika sind sie erlaubt und Südafrika grenzt an Mosambik. Und wir wissen nichts Genaues über die Überwachung von GMO im Grenzgebiet. Mit dem Statement hat UNAC noch einmal betont und bestätigt, dass wir keine GMOs akzeptieren. Im Gegenteil, wir stehen für eine andere Landwirtschaft. Im Januar haben wir mit der Regierung und einigen Abteilungen des Landwirtschaftsministeriums über einen Prozess zur Wiedergewinnung von traditionellem Saatgut, nachhaltiger Landwirtschaft und Biodiversität diskutiert. Außerdem haben wir zusammen mit anderen La Via Campensina Mitgliedern Trainer organisiert, die viel Erfahrung mit agrarökologischen Prozessen haben. Wir haben Trainings im Bereich Hilfe zur Selbsthilfe für die Bauern organisiert. Dazu haben wir auch Mitglieder der staatlichen Beratungsstelle eingeladen, um zu zeigen, welche landwirtschaftliche Produktion unserer Meinung nach besser für Mosambik ist.

AB: Dieses Jahr ist internationales Jahr der Kooperativen. Wie würden Sie die Rolle der landwirtschaftlichen Kooperativen in der landwirtschaftlichen Entwicklung einschätzen?

LM: Die UNAC nimmt im Reformierungsprozess der Gesetzgebung bezüglich Kooperativen in Mosambik teil – wir nennen es “Moderner Kooperativismus”. Die UNAC ist ein Mitglied des nationalen Verbands für Kooperativismus (Mozambican Association for the Promotion of Modern Cooperatives). Wir sind uns in dieser Hinsicht einig, dass der Prozess des Kooperativismus / Genossenschaftswesen eine Chance für die Landwirtschaft darstellt. Deswegen kämpfen wir für ein neues Gesetz in Mosambik, um Kooperativen leichter bilden zu können. Dieses Jahr haben wir ein paar Versammlungen vorbereitet und nächste Woche [28.März 2012, Anm. d. Übersetzers] haben wir den Präsidenten eingeladen, um ihn von der Bedeutung von Kooperativen für Mosambik zu überzeugen. Die Kooperativen arbeiten an den Hauptsektoren der Landwirtschaft. Und um den Entwicklungsprozess im Landwirtschaftssektor voranzutreiben, müssen die Kooperativen und Bauern unterstützt werden.

 

Hier können sie das Interview als PDf-Dokument herunterladen: Interview UNAC - Investitionen in Landwirtschaft (PDF) 

 

Weitere Infos zum Projekt finden sie hier: 
Stärkung von Kooperativen in Mahotas Valley.

 

Andreas Bohne ist Projektmanager beim Solidaritätsdienst-international e.V. (SODI) und verantwortlich für Entwicklungsprojekte in Mosambik und Südafrika. Kontakt unter a.bohne@sodi.de oder 030 – 920 90 93 12

 

 

 

 

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Broschüre: „Solidarität gegen Apartheid - für ein freies Südafrika“

2012 wird mit dem African National Congress (ANC) Afrikas älteste politische Organisation 100 Jahre alt. Aus diesem Anlass veröffentlicht SODI eine umfangreiche Broschüre mit dem Titel „Solidarität gegen Apartheid - für ein freies Südafrika. Reflektieren und Reflexionen über DDR-Solidarität mit dem ANC.“ Die Broschüre kann für 7 Euro (inkl. Porto und Verpackung) bei SODI bestellt werden.
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