© SODI, 2011
  • © SODI, 2011
  • Mit der Einweihung des Lumumba-Denkmals im Januar 2011 wurde ein anti-koloniales Denkmal in den öffentlichen Raum zurückgebracht © SODI, 2011
  • Umbenennungsfest M*straße © SODI, 2014

Gegen Postkolonialismus, rassistische und koloniale Stereotype

Im öffentlichen Raum finden sich bis heute eine hohe Anzahl kolonialer Spuren. Gerade in Berlin – der ehemaligen Hauptstadt des deutschen Kolonialismus – werden diese oftmals kaum kritisch hinterfragt. Ebenso wird der europäische Kolonialismus in Bildungseinrichtungen und Medien nur unzureichend betrachtet, mehr noch lässt sich in der Gesellschaft eine Kontinuität rassistischer und kolonialer Stereotype feststellen.

Seit seiner Gründung will SODI mit Veranstaltungen und Kampagnen eine kritische Aufarbeitung anregen und auf Diskurse Einfluss nehmen. SODI setzt sich gemeinsam mit anderen Initiativen für eine kritische Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus, für die Bekämpfung von Rassismus und für einen nachhaltigen Abbau von Vorurteilen ein.

Was ist Postkolonialismus

Postkolonialismus bezeichnet zum einen die Zeit nach Ende des Kolonialismus und thematisiert die Erscheinungen und Entwicklungen unabhängiger Staaten, oftmals geprägt von einem neokolonialen Agieren ehemaliger Kolonialmächte. Zum anderen werden aber vor allem damit Strukturen aus der Zeit des Kolonialismus beschrieben die bis heute nachwirken, Stereotypen verfestigen und Machtverhältnisse zementieren. Der Begriff des Postkolonialismus ist nicht klar definiert und dient damit als Sammelbecken für Diskussionen die sich mit den kolonialen Auswirkungen im sozialen, kulturellen sowie wirtschaftlichen Sinne beschäftigen. Grundlegend ist, den Kolonialismus und Imperialismus als elementaren Teil der eigene Geschichte anzuerkennen und aufzuarbeiten.

Einen historischen Höhepunkt fand der Kolonialismus in der Berliner Afrikakonferenz im Winter 1884/1885. Staatsherren aus Europa, dem Osmanischen Reich und der USA teilten den Kontinent Afrika untereinander auf. Es folgten Ausbeutung, Unterdrückung und Völkermord. Auch das deutsche Kaiserreich eroberte Gebiete, die wirtschaftlich ausgebeutet und kulturell unterdrücktet wurden. Der Maji-Maji-Aufstand in Tansania (damals Deutsch-Ostafrika) und der Krieg der Herero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia (damals Deutsch-Südwestafrika) mit zehntausenden Toten markiert den traurigen Höhepunkt deutscher Herrschaft über die heutigen Gebiete Togos, Kameruns, Namibias, Tansanias, Burundis und Ruandas. Erst nach und nach konnten sich die afrikanischen Staaten von der kolonialen Unterdrückung und Herrschaft befreien.

Bis heute dauern Armut und Unterdrückung als Folgen kolonialistischer Herrschaft an. Rassismus nährt sich aus den menschenverachtenden Einstellungen jener Zeit und hat damit eine seiner historischen Wurzeln im Kolonialismus. Zugleich sind zahlreiche Spuren kolonialer Herrschaft in der Gegenwart zu finden. Wenn koloniale Kriegsherren mit Denkmälern und Straßennamen gewürdigt werden, wenn in der Schule nur eine eingeschränkte Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe vorgenommen wird, wenn Entwicklungszusammenarbeit vor allem westlichen Interessen folgt, von Paternalismus gekennzeichnet ist und mit selbstverständlicher Dominanz umgesetzt wird, dann spricht man von Postkolonialismus.

Gegen Postkolonialismus!

Zahlreiche Initiativen und Vereine setzen sich mit der Thematik des europäischen Postkolonialismus kritisch auseinander und tragen dessen Folgen in die Öffentlichkeit. Mithilfe von Erinnerungsarbeit und historischer Aufarbeitung wird die deutsche Kolonialgeschichte erfahrbar gemacht, das Interesse und die kritische Auseinandersetzung mit und von BürgerInnen gefördert. Die Umbenennung kolonialgeprägter Straßennamen oder die Errichtung von Mahnmalen soll eine Aufarbeitung und Wiedergutmachung der kolonialen deutschen Vergangenheit ermöglichen. Entschädigungszahlungen sind eine wesentliche Forderung zur Wiedergutmachung. Zugleich muss eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in Schulen passieren.

Darin darf sich ein kritischer Postkolonialismus jedoch nicht erschöpfen, sondern gleichzeitig muss der antirassistische Umgang mit Menschen anderer Hautfarbe, Kulturen und Religionen gefördert werden. Dabei sollen vor allem die Rechte von Afrodeutschen und AfrikanerInnnen anerkannt und deren gesellschaftliche und rechtliche Gleichstellung erreicht werden.

Aktivitäten von SODI gegen Postkolonialismus

SODI fordert eine kritische Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit, um rassistische Denkmuster und koloniale Stereotypen überwinden zu können. Ein erster Schritt zur Wiedergutmachung besteht in der Anerkennung des Kolonialismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. SODI engagiert sich bei verschiedenen Aktivitäten gegen den Postkolonialismus, wie Demonstrationen, Kampagnen und Veranstaltungen zur kritischen Aufarbeitung in Berlin:

Ausstellung „Namibia-today“ (Februar 2017)

Die finnische Künstlerin Laura Horelli wurde von den Heften der Zeitschrift „Namibia today“ zu einer Ausstellung inspiriert. Am 9. Februar 2017 wurde die Ausstellung im U5-Bahnhof Schillingstraße mit einem Rundgang durch Andreas Guibeb (Botschafter der Republik Namibia), Thomas Lendrich (Druckhaus Gera) und Uwe Jaenicke (SODI e.V.) eröffnet. Sie ist bis 31. Oktober 2017 geöffnet.

Theateraussführung Spielwut - Spielmacht" (November 2016)

Unter dem Titel „Mother Europe" (Mutter Europa) trat das Theaterprojekt Spielwut - Spielmacht", Teil des SODI-Bildungsprogramms, Anfang November 2016 in den Räumen des Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlags e.V. auf. Das Stück gab einen Input zu Gesprächen über Rassismus im Kontext der Kolonialvergangenheit. Mehr Informationen

Draufsicht - das kritisch globale Fernsehen zum mitmachen

Das ehrenamtlich Redaktionsteam von Draufsicht beleuchtet globale Zusammenhänge und Ungleichheiten in seinen Videos. Neben Themen wie der Nachhaltigkeit und Ernährung werden auch postkoloniale Zusammenhänge reflektiert. Hier eine Auswahl der Videos:

No Humboldt 21! Kampagne fordert Moratorium für das Humboldt-Forum in Berlin (2013)

40 zivilgesellschaftliche Organisationen – darunter SODI – kritisieren das Konzept des in Berlin geplanten Humboldt-Forums als „Ort der Weltkulturen“ und fordern eine breite öffentliche Debatte zum geplanten Ausstellungs- und Begegnungsort. Mehr Informationen

Dekolonialisierung des öffentlichen Raumes in Hamburg

Ein breites gesellschaftliches Bündnis – darunter SODI – begrüßen die Umbenennung von Kolonialstraßen in Hamburg und fordern die Erarbeitung eines kolonialkritischen Gesamtkonzeptes. Mehr Informationen

Völkermord verjährt nicht! - Resolution (März 2012-2016)
Aufruf an die Mitglieder des Deutschen Bundestages zur Anerkennung und
Wiedergutmachung des Völkermordes in der ehemaligen Kolonie
„Deutsch-Südwestafrika“, der heutigen Republik Namibia. Zur Nachricht...

Versöhnung braucht Entschädigung" - Forderung nach Entschuldigung und  Entschädigung der Nachfahren der Opfer des Genozids in Namibia.

Bis heute warten die Opfer des von Deutschland geführten Vernichtungskrieges gegen die Herero auf eine Entschuldigung. Die Rückführung von Gebeinen der Opfer, die aus Forschungszwecken nach Deutschland gebracht wurden, kann nur der Anfang eines Aufarbeitungsprozesses sein. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis von zivilgesellschaftlichen Organisationen fordert SODI eine Entschuldigung und offene Verhandlungen über Entschädigungen mit den Nachfahren der Opfer des Genozids in Namibia. Zur Nachricht

„Macht.Politik.Ressourcen.“ – Enthüllung des Patrice-Lumumba-Denkmals mit anschließendem Kolloquium (Januar 2011)

Am 15.01.2011 wurde in Leipzig ein Denkmal zu Ehren Patrice Lumumbas eingeweiht. Dadurch entstand eines der wenigen sichtbaren Formen zur Ehrung afrikanischer und afro-deutscher Persönlichkeiten. Das Denkmal steht am gleichen Ort einer 1997 zerstörten Stele. Ein anschließendes Kolloquium näherte sich dem Spannungsfeld von Macht, Politik und Ressourcen in Afrika, welches seit der Ermordung von Lumumba vor 50 Jahren nicht an Aktualität verloren hat. Zur Konferenz

„Ehre, wem Ehre gebührt“ - SODI unterstützt Resolution zur Förderung postkolonialer Erinnerungskultur (November 2010)

Zum Abschluss der Ausstellung „freedom roads! - Vom Umgang mit kolonialen Straßennamen: Praxis und Visionen“, initiiert von Berlin Postkolonial, unterstützte SODI gemeinsam mit anderen Organisationen und Privatpersonen die Resolution „Ehre, wem Ehre gebührt“ zur kolonialkritischen Aufarbeitung und zur Umbenennung von Straßen, die nach kolonialen Akteuren benannt sind. Zur Nachricht.

Forderung nach Umbenennung der Lüderitzstraße (März 2010)

Als visuelles Zeichen der Aufarbeitung unterstützt SODI die Umbenennung von Berliner Straßen, die derzeit immer noch nach Kolonialisten und sogenannten Entdeckern benannt sind. Zum 20. Jubiläum der Unabhängigkeit Namibias am 21. März 2010 forderte ein zivilgesellschaftliches Bündnis die Umbenennung der Lüderitzstraße in Berlin-Mitte (Wedding). Die Straße wurde 1902 nach Adolf Lüderitz, dem „Begründer“ der Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“, benannt.

Widerstand und Aufbruch (Januar 2010)

Widerstand und Aufbruch in Afrika – dieses Spannungsfeld war Inhalt einer Konferenz, die gemeinsam von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Deutsch-Afrikanischen-Gesellschaft und SODI am 30. Januar 2010 im Rahmen der Kampagne „125 Jahre Berliner Afrika Konferenz“ durchgeführt wurde. Dabei wurden (Auf-)Brüche der kolonialen und postkolonialen Zeit, die aktuellen Herausforderungen Afrikas sowie die afrikanischen und europäischen Beziehungen näher beleuchtet. Zur Nachricht.

„125 Jahre Berliner Afrika Konferenz – Erinnern, Aufarbeiten, Wiedergutmachen“ (November 2009 bis Februar 2010)

Gemeinsam mit einer Vielzahl von NGOs und VertreterInnen politischer Parteien unterstützte SODI die Kampagne zum 125. Jahrestag der Berliner Afrika-Konferenz. Gemeinsam forderten sie einen grundlegenden Wandel im Umgang mit der kolonialen deutschen Vergangenheit. Dabei soll mit Mahnmalen und Umbenennungen von Straßennamen über die kolonial-rassistische Vergangenheit und ihre Folgen aufgeklärt werden. Außerdem soll durch eine kritische Beschäftigung mit Kolonialismus und Rassismus unter anderem an Schulen und Universitäten die Kolonialzeit aufgearbeitet werden.

Kritik an der Gedenksteinlegung des offizielle Gedenksteines (Oktober 2009)

Auf Bestreben des Berliner Bezirkes Neukölln erfolgte im Oktober 2009 schließlich die Aufstellung einer offiziellen Gedenktafel. Jedoch wird der Text auf dem Stein von SODI und weiteren NGOs als nicht ausreichend kritisiert, da lediglich vom „Kolonialkrieg“ gesprochen und somit der deutsche Völkermord bewusst verschwiegen wird.

Konferenz: Deutsche Kolonialherrschaft in Namibia und antikolonialer Befreiungskampf (Oktober 2004)

Aus Anlass des 100. Jahrestages des Aufstandes der Herero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft fand diese Konferenz von SODI in Zusammenarbeit mit der AG Antirassismus an den Potsdamer Hochschulen statt. Historiker wie Helmut Bley oder Hans-Georg Schleicher nahmen als Referenten teil.

Provisorische Gedenktafel zum Völkermord an den Herero und Nama (August 2004)

Im heutigen Namibia verübten deutsche Truppen im Rahmen eines Kolonialkriegs gegen die Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Um an die Opfer zu erinnern, hielten SODI, der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag und andere Organisationen am 11. August 2004 eine Gedenkveranstaltung ab und stellten neben dem sogenannten Afrika-Stein (früher Herero-Stein) auf dem Berliner Garnisonsfriedhof in Berlin-Neukölln eine provisorische Gedenktafel mit der Aufschrift „Zum Gedenken an die Opfer des deutschen Völkermordes in Namibia 1904-1908“ auf.

Weiterführende Literatur zum Thema:

Arndt, S. (Hg.). 2001. AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland. Münster: UNRAST-Verlag.

Bauche, M. 2010. Postkolonialer Aktivismus und die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus. In: Phase 2, 37, 12-15

Bechhaus-Gerst, Marianne & Gieseke, S. (Hg.). 2007. Koloniale und postkoloniale Konstruktionen von Afrika und Menschen afrikanischer Herkunft in der deutschen Alltagskultur. Frankfurt: Peter Lang.

Böhler, K. & Hoeren, J. (Hg.). 2003. Afrika. Mythos und Zukunft. Bundeszentrale für politische Bildung.

Van der Heyden, U. & Zeller, J. (Hg.). 2005. „… Macht und Anteil an der Weltherrschaft.“ Berlin und der deutsche Kolonialismus. Unrast.

Van der Heyden, U. & Zeller, J. (Hg.). 2002. Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche. Berlin Edition.

Zeller, J. 2000. Kolonialdenkmäler und Geschichtsbewusstsein. Eine Untersuchung der kolonialdeutschen Erinnerungskultur. Iko – Verlag für interkulturelle Kommunikation.