Menschen mit Behinderung stärken // AUS DEM ARCHIV
Menschen mit Behinderung in Vietnam werden dabei unterstützt, den Teufelskreis von Armut und Behinderung zu durchbrechen. Ein Therapie- und Trainingsprogramm sowie Bau und Ausstattung von zwei Reha-Zentren sollen eine gemeinde- und familienbasierte Rehabilitation ermöglichen.
Projektlaufzeit: 01.01.2006 - 31.12.2008 verlängert um 3 Monate bis 31.3.2009
Projektvolumen: 272.249 Euro
Finanzierung:
Förderung durch das BMZ - 204.187 Euro
SODI-Spenden - 41.488 Euro
Anteil der vietnamesischen Partner - 26.574 Euro
Im Zentrum für Orthopädie und Rehabilitation (ORC) in Vinh, der Hauptstadt der Provinz Nghe An in Vietnam, bildet sich eine lange Schlange. Unter den wartenden Menschen mit Behinderung ist auch der achtjährige Son, der mit seiner Mutter den Weg aus einem 150 Kilometer entfernten Bergdorf zurückgelegt hat, um hier erstmals einem Facharzt vorgestellt zu werden. Dabei hätte er schon als Kleinkind ärztliche Hilfe und eine regelmäßige Therapie benötigt, damit für ihn trotz seiner Bewegungsstörungen ein selbstbestimmtes Leben möglich wird. Aber die Behandlung von Menschen mit Behinderung konnten bisher nur Fachkräfte im weit entfernten Vinh leisten. Sons Familie ist arm und eine Fahrt mit dem Bus teuer. Mutter und Vater rackern von früh bis spät, damit die sechsköpfige Familie das Allernotwendigste zum Leben hat. Son ist ein aufgeweckter Junge, und die Eltern möchten, dass er zur Schule geht. Er braucht eine Therapie, um seinen kleinen Körper zu kräftigen und zu trainieren. Er muss lernen, wie er trotz seiner Behinderung den Alltag selbstständig bewältigen kann. Die Mutter will wissen, wie sie ihm helfen kann, Barrieren zu überwinden. Mit Hilfe von SODI sollen nun in den Kreisen Quynh Luu und Tuong Duong für 413 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung in einem dreijährigen Programm Betreuungsmöglichkeiten in ihren Gemeinden und Familien geschaffen werden. Dazu sind der Bau und die Ausstattung von zwei kleinen Reha-Zentren und ein dreijähriges Therapie- sowie ein dreistufiges Trainingsprogramm vorgesehen. Ziel ist es, eine gemeinde- und familienbasierte Rehabilitation von Menschen mit Behinderung zu entwickeln, die beispielgebend für die Provinz und darüber hinaus ist.
Den Teufelskreis von Armut und Behinderung durchbrechen!
Behinderung in Entwicklungsländern verursacht mehr noch als im Norden Armut, weil die Betroffenen aus dem sozialen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen sind. Armut verschärft Behinderung, weil fehlender Zugang zu sauberem Wasser, Mangelernährung u.a.m. langanhaltende Körperschäden verursachen. In Vietnam betrifft das 5,7 Millionen Menschen. Viele von ihnen sind durch Sauerstoffmangel oder Schadstoffe vor und bei der Geburt erkrankt. Die Langzeitfolgen des von der US-Air Force eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange verursachen noch heute Behinderungen bei Neugeborenen, da das Erbgut der Eltern und Großeltern geschädigt wurde. Die Menschen in der unmittelbaren Umgebung der Betroffenen wissen in aller Regel nicht, wie sie helfen können. So bleiben Menschen mit Behinderung und ihre Familien im Teufelskreis von Armut und Behinderung gefangen. Sie gehören zu jener besonders verwundbaren sozialen Gruppe, deren Lage bei der Verwirklichung der Millenniumsentwicklungsziele zur weltweiten Halbierung der Armut bis 2015 auch in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit verstärkt Beachtung findet. Während Entwicklungszusammenarbeit in Bezug auf Menschen mit Behinderung bis in die jüngste Zeit hinein vorrangig medizinisch und karitativ orientiert und damit nicht nachhaltig genug war, fördern neuere Projekte das Selbstvertrauen und die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung. Diese Anstrengungen erhielten einen kräftigen Schub durch die im Dezember verabschiedete UN-Deklaration über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Eine Entwicklung, die alle Menschen einschließt, in der die Menschenrechte für alle durchgesetzt werden, soll als Prinzip in der gesamten Entwicklungszusammenarbeit durchgesetzt werden.
In bewährter Partnerschaft ein Beispiel schaffen
Auch in Vietnam wurde dieser Zusammenhang von Armut und Behinderung erkannt. Ärzte und Physiotherapeuten des Zentrums für Orthopädie und Rehabilitation (OCR) in Vinh erarbeiteten gemeinsam mit SODI und Spezialisten des Deutschen Entwicklungsdienstes ein Konzept, mit dem die vor allem aus Mangel an Fachkräften und materiellen Voraussetzungen aber auch wegen eines fehlenden Bewusstseins für die Problemlage bisher zentralisierte Betreuung von Menschen mit Behinderung überwunden werden kann. An ihre Stelle soll eine dezentralisierte, auf die Gemeinden und die Familien der Betroffenen konzentrierte nachhaltige Rehabilitation treten, die das Selbsthilfepotential sowohl der Menschen mit Behinderung selbst als auch das ihrer Familien stärken soll. Damit ist die Hoffnung verbunden, ein Beispiel für andere Kreise in der Provinz und über deren Grenzen hinaus geben zu können.
Die Zusammenarbeit zwischen SODI und dem ORC in Vinh hat eine lange Tradition, die bis in die schwere Zeit des Wiederaufbaus nach dem amerikanischen Krieg zurückreicht. Damals wurde im ORC mit Hilfe des Solidaritätskomitees der DDR eine orthopädische Werkstatt eingerichtet. SODI unterstützte die Werkstatt und das ORC nach 1990 wiederholt durch die Lieferung von Ausrüstungen und Material. Nun wollen die Partner und Freunde gemeinsam Neues in den zwei Kreisen Tuong Duong und Quynh Luu wagen, wo SODI nicht unbekannt ist. Im Kreisgesundheitszentrum in Quynh Luu funktioniert noch heute eine Röntgenanlage, die SODI neben anderen medizinisch-technischen Ausrüstungen im Rahmen seines Programms Recycling für Umwelt und Gesundheit geliefert hatte. Im Kreis Quynh Luu wird in der Fischergemeinde Tien Thuy wurde eine Grundschule mit Schulgarten gebaut, wo Umwelterziehung in den Unterricht integriert wurde. In Bergdörfern des Kreises Tuong Duong sind in Zusammenarbeit mit der Vietnamesischen Frauenunion Wasserversorgungssysteme für Gemeinschaften ethnischer Minderheiten entstanden.
Reha-Zentren, Therapie und Training
In den Kreisgesundheitszentren von Quynh Luu nahe der Küste bzw. des Bergkreises Tuong Duong werden zwei kleine Reha-Zentren mit je einem Behandlungs- und einem Übungsraum gebaut und ausgestattet. Die Patienten werden mit Wärme- und Elektrotherapie behandelt werden können. Durch Übungen an Sprossenwänden, mit Medizinbällen und anderem Gerät werden sie ihren Körper trainieren. Es ist vorgesehen, dass 413 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung über drei Jahre monatlich eine Woche lang in den Genuss einer Therapie unter Anleitung medizinischer Fachkräfte kommen. Gleichzeitig erhalten sie orthopädische Hilfsmittel: Rollstühle, Gehhilfen, Rollatoren und vieles andere. Übungen, vitaminreiche Nahrung und wenn nötig Medikamente sollen ihre körperliche Verfassung verbessern und ihre Selbsthilfekräfte stärken. Sie werden nach diesen drei Jahren in der Lage sein, die erlernten Übungen selbstständig bzw. mit Hilfe von Familienangehörigen und Bekannten in ihrer unmittelbaren Umgebung fortzusetzen.
Das ORC in Vinh organisiert ein dreistufigen Trainingsprogramm, das auf die Entwicklung der notwendigen Kompetenz der Hilfe zur Selbsthilfe für Menschen mit Behinderung und damit auf die Nachhaltigkeit des Rehabilitationsprogramms abzielt:
- Das medizinische Personal der Kreisgesundheitszentren (etwa 60 Personen) erwirbt die notwendige fachliche Kompetenz für die Betreuung von Menschen mit Behinderung.
- Über 100 Fazilitatoren sollen in Trainingskursen befähigt werden, etwa 300 Multiplikatoren in den Gemeinden und Dörfern bei der Betreuung von Behinderten anzuleiten.
- Die Multiplikatoren, Familienangehörige, Mitglieder der Frauenunion, engagierte Dorfbewohner erhalten einen ersten Einführungskurs im Rahmen des Trainingsprogramms.
Fazilitatoren und Multiplikatoren werden so darauf vorbereitet, den Familien der Betroffenen auch in Zukunft mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die Familien werden bereits in das Trainingsprogramm während der Projektlaufzeit einbezogen. Ihnen soll bewusst werden, über welches Potential zur Selbsthilfe ihre Töchter und Söhne verfügen, wenn es gezielt mit Liebe und Verständnis gefördert wird. Das beginnt mit solchen Dingen des Alltags wie dem selbstständigen Anziehen und reicht bis zur Bewältigung des Schulweges und darüber hinaus. Auch die Mutter von Son wird lernen, wie sie ihrem Sohn dabei helfen kann, den Alltag aus eigener Kraft zu bewältigen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. So wird sie Zeit und Kraft für anderes gewinnen und die Lebensverhältnisse der Familie werden sich insgesamt verbessern. Son, seine Mutter und alle anderen Betroffenen werden einen entscheidenden Anteil am Erfolg des Programms haben.
Spenden
Der Landesverband Berlin der Volksolidarität unterstützt in einer gemeinsamen Spendenaktion das Projekt.
Rund 41.500 Euro an Spenden sind für dieses vom BMZ geförderte Pilotprojekt notwendig.
Für 6 Euro kann ein Patient eine Woche lang in einem Reha-Zentrum betreut werden, für 216 Euro - 36 Monate. Ein in Vietnam beschaffter Rollstuhl kostet 73 Euro, ein paar Gehilfen 6 Euro.
Helfen Sie bitte mit!
Weitere Informationen zum Projekt:
ARTIKEL:
Erfolgreicher Start des Reha-Projekts in Vietnam
(19.06.2006 | Projektmeldungen)
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(25.10.2006 | Pressemeldungen)
SODI-REPORT ARTIKEL:
Vietnam: Gleiche Rechte auf Entwicklung
(20.06.2008 | 2008-02)
Vietnam - Auf Reisen in wichtiger Mission
(07.03.2008 | 2008-01)
Reha-Projekt in Vietnam: Ermutigende Erfolge
(23.06.2007 | 2007-02)
Vietnam: Längere Rehabilitation in Nghe An
(25.11.2008 | 2008-04)
MATERIALIEN:
Menschen mit Behinderung stärken!
Flyer (A4, zweiseitig) mit Hintergrundinformationen zum Rehabilitations-Projekt in Vietnam
(kostenlos | Projektinfos)

