20 Jahre Solidarität mit Kuba: Ein Rück- und Ausblick

Als unser Verein vor zwei Jahrzehnten den Beschluss fasste, auch die Unterstützung Kubas in sein Hilfsprogramm aufzunehmen, war das kein leichter. SODI hatte damals gerade seine existenziellen Auseinandersetzungen mit der Treuhandanstalt  überstanden. Er suchte noch nach einem tragfähigen Geschäftsmodell und einer Zukunftsperspektive, die auch eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seines Vorgängers, dem Solidaritätskomitee der DDR beinhaltete.   

Auf der anderen Seite war da das sozialistische Kuba, das in eine sehr prekäre Lage gekommen war. Durch das Wegbrechen seiner wichtigsten Handels-, Wirtschafts-, und Bündnispartner in Mittel- und Osteuropa offenbarte sich die Abhängigkeit und Verwundbarkeit seines Gesellschaftsmodells. Auf diesen Moment der Schwäche hatte die USA Regierung schon lange gewartet. Mittels neuer Gesetze verschärfte sie die seit 1962 anhaltende Wirtschafts-, Handels-, und Finanzblockade und versuchte, endlich einen Regimewechsel auf der größten karibischen Insel herbeizuführen.  

Für SODI und viele seiner Mitglieder und Spender – bei allen eigenen negativen Erfahrungen mit dem Sozialismus in der DDR – war nicht hinnehmbar, tatenlos zuzusehen, wie Völkerrecht mit Füßen getreten wurde, wie ein stolzes Volk gezwungen werden sollte, seine hart erkämpfte Unabhängigkeit von Spanien und den USA sowie seine Selbstbestimmung und weitere revolutionäre Errungenschaften aufzugeben. Es war auch nicht akzeptabel, dass sich unsere Regierung nicht an ihre noch im Einigungsvertrag eingegangenen Verpflichtungen gegenüber Kuba hielt und somit dazu beitrug, die Not für die kubanische Bevölkerung zu vergrößern.   

Solcher nationalen und internationalen Politik entgegenzutreten, sie zu verurteilen und Kuba beizustehen, brachte SODI damals nicht nur Freunde im eigenen Land ein. Doch die  Entschlossenheit, mit der sich Kuba gegen alle Anfeindungen und Erpressungen stemmte, mit Tatkraft Not und Entbehrungen begegnete, und dabei nie vergaß, anderen Völkern Beistand zu leisten, bestärkte unsere solidarische Haltung.  

SODI brachte seine Solidarität mit Kuba in den vergangenen Jahren auf vielfältige Art und Weise zum Ausdruck. Wir bauten gute Beziehungen zu kubanischen Partnerorganisationen und -institutionen auf. So zum Kubanischen Institut für Völkerfreundschaft (ICAP)., der NRO „Cubasolar“, des Christlichen Zentrums in Cardenas, Matanzas sowie zu staatlichen Einrichtungen. Wir verstärkten unsere Hilfe und Wirksamkeit, in dem wir uns mit in- und ausländischen NRO vernetzten und gemeinsam Meetings, Aktionen und Kampagnen durchführten oder uns an internationalen Solidaritätskonferenzen beteiligten. Wir waren oft Gäste in Kuba, besprachen unserer Projekte vor Ort, studierten die Probleme und Entwicklungen, gaben anschließend Interviews, veröffentlichten Artikel und trugen somit auch dazu bei, die Wahrheit über Kuba in Deutschland zu verbreiten.  

Das wesentlichste Feld unserer Hilfe sahen wir in der Unterstützung des gut aufgestellten und funktionierenden Gesundheitswesens. Es stammte noch aus den besseren Jahre des sozialistischen Aufbaus. Es sicherte die kostenlose medizinische Versorgung der gesamten Bevölkerung  und genoss große Anerkennung in der Welt. Aber angesichts der großen Entbehrungen, die in den 90er Jahren mit der sogenannten Sonderperiode auf die Bevölkerung zukamen, war die Gefahr groß, dass es verfallen könnte. Doch Fidel Castro hatte das Volk und die internationale Solidaritätsbewegung dazu aufgerufen, alle Anstrengungen zu unternehmen, um diesen Schatz der Revolution zu erhalten. SODI nahm Beziehungen zu mehreren medizinischen Einrichtungen auf, erkundete deren Versorgungsengpässe und schickte im Lauf der vergangenen Jahre 50 Schiffscontainer nach Kuba. Sie waren angefüllt mit Medikamenten, Impfstoffen, Verbrauchsmaterial, Krankenhausbetten, Geräten, chirurgischen Instrumente, Laboreinrichtungen, Krankenhauswäsche und –Bekleidung, Liegen, Rollstühlen, Rollatoren Sehhilfen, Spezialwerkzeugen und vielen Dingen mehr, die dringend gebraucht wurden. Diese Lieferungen erhielten anfangs die großen Krankenhäuser in Havanna, wie das Hospital „Hermanos Ameijeiras“, „Calixto García“ und das Hospital Ortopédico Dozente „Fructuoso Rodriguez“. Später schickten wir verstärkt Hilfsgüter in die medizinischen Einrichtungen der Zentralprovinzen. Dort hatte es schwere Verwüstungen durch Hurrikans gegeben. Und seit Ende der 90er Jahre konzentrierten wir uns auf Wunsch unserer kubanischen Partner auf die bevölkerungsreiche Provinz Villa Clara. Dort unterhielten wir Kontakte zu Krankenhäusern, Polikliniken und Altersheimen in mehreren Städten und versorgten sie mit wichtigen Gütern. Diese wichtige Hilfe wollen wir unbedingt fortsetzen.   

Unter all den ungezählten Hilfsleistungen gibt es manche, die es wert wären,  besonders hervorgehoben zu werden. Doch dafür fehlt hier der Platz. Alle legen jedoch Zeugnis von der großen Wirksamkeit der Hilfe und dem unmittelbaren Nutzen ab, den die Spendengüter für zehntausende Patienten, dankbare Ärzte und Schwestern hatten.     

Ein Projekt sollte trotzdem noch erwähnt werden. Es handelt sich um die Ausrüstung von 36 Ärztehäusern mit Solarenergieanlagen.  Darunter muss man sich Landambulatorien in abgelegenen Bergdörfern vorstellen, die zwar einen Arzt hatten (was für eine Errungenschaft für ein Entwicklungsland), aber keinen Anschluss an das Energienetz. Dieses Manko in Zusammenarbeit mit kubanischen, spanischen und kanadischen Nichtregierungsorganisationen zu beseitigen, war nicht leicht. Es zeigte aber auch, zu welchen Innovationen Kuba in der „Krise“ fähig sein konnte. Es war der Durchbruch zur Anerkennung von regenerativen  Energien in Kuba und der Beginn eines großen Entwicklungsprogramms , in dessen Verlauf mit Finanzmitteln der internationalen Solidarität alle Landambulatorien modernisiert wurden.    

Dass SODI im Verlaufe der vergangenen 20 Jahre Kuba Hilfe im Wert von über 14 Millionen Euro leisten konnte, verdankt unsere Organisation in erster Linie seinen vielen Spendern. Es waren BürgerInnen, kleine und große Firmen und Gesundheitseinrichtungen, die mit ihren Spenden und ihrem Engagement so viel uneigennützige Hilfe ermöglichten. Voraussetzung war auch, dass SODI Anfang der 90er Jahre entsprechende Strukturen geschaffen hatte.  Mittels eines Recyclingprogramms, das auch bei Lieferungen in viele andere Länder gute Dienste leistete, konnten genügend neuwertige und gebrauchte Güter bereitgestellt werden.  

Kuba hat dank der außerordentlichen Anstrengungen seiner Bevölkerung und dessen umsichtiger Führung die Zeit der großen Entbehrungen hinter sich gelassen. Es befindet sich seit einigen Jahren wieder auf Wachstumskurs. Außenpolitisch hat das Land seine Position in Lateinamerika und in der Welt gefestigt.  

Unter der neuen Führung von Raul Castro und großer Beteiligung  der Bevölkerung hat es mutig strukturelle Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft eingeleitet. Diese haben zum Ziel, die Produktivität in der Wirtschaft und die Versorgung der Bevölkerung sowie das sozialistische System der sozialen Gerechtigkeit zu verbessern. Dabei gilt es jedoch, mit großer Umsicht vorzugehen und manche negative Folgen aus der „Sonderperiode“ zu überwinden.  Das ist nicht leicht, zumal die USA Regierung ihre aggressive Blockadepolitik fortsetzt, die Kuba bisher einen ökonomischen Schaden von über einer Billion US Dollar(!) gebracht hat.  Zwar hat die internationale Völkergemeinschaft auf der letzten UNO Vollversammlung die Blockadepolitik wieder mit überwältigender Mehrheit (187 zu 2 Stimmen bei 3 Enthaltungen) verurteilt, was ein überwältigender Erfolg ist.  Doch nun muss die internationale Solidaritätsbewegung darauf dringen, dass die Regierungen nicht nur verurteilen, sondern auch handeln. Dazu gehört auch, dass die Europäische Union ihre diskriminierende Politik gegenüber Kuba endlich beendet und ihren sogenannten Gemeinsamen Standpunkt, der Kuba auch zu einem Regimewechsel zwingen will, aufgibt.  

Zu diesem Ergebnis kam erst kürzlich das XVI. Europa-Treffen der Kuba-Solidarität, das im November in Berlin stattfand. Und die Delegierten aus 30 Ländern kamen noch zu einem Beschluss: Alle Kräfte sind zu verstärken, um endlich die Freilassung der in US-Gefängnissen unrechtmäßig inhaftierten fünf kubanischen Antiterrorkämpfer zu erreichen. Es ist eine Schande, dass gerade diese Kubaner zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, die verhindern wollten, dass Exilkubaner Terroranschläge gegen Kuba ausüben. Auch in Zukunft steht SODI für eine aktive Solidarität in Wort und Tat. Unterstützen Sie uns dabei!
Peter Stobinski, Förderkreis Lateinamerika