40 Jahre nach Tschernobyl: Unsere Solidaritätsarbeit geht weiter
Die unmittelbar freigesetzte Strahlung führte zu genetischen Schäden, die das Erbgut belasten. Die kontaminierten Böden sind bis heute eine Gefahr, die über lokal erzeugte Lebensmittel die Gesundheit, vor allem von Kindern und Jugendlichen, gefährdet.
2017 und 2019 hatte ich die Gelegenheit zusammen mit Mitgliedern und Freunden von SODI Belarus zu besuchen. 300 km von Tschernobyl entfernt trafen wir betroffene Kinder an „unserer“ Schule in Otwershitschi und unterhielten uns mit ihnen über ihre Situation nahe der gesperrten Zone. Schaut man den betroffenen Kindern in die Augen, erhält man ganz schnell einen Eindruck von den Auswirkungen der angeblich „sauberen“ Atom-Technologie. Die bei unserem Besuch von den Kindern vorgenommenen Messungen der kontaminierten Beeren aus dem nahen Wald waren überzeugend. Sie lagen deutlich über dem unbedenklichen Grenzwert. Die Belastung mit Cäsium-137 wird noch über Generationen bestehen bleiben
Im November 1990 traf die erste Hilfslieferung von SODI für Krankenhäuser und Kinderheime in Belarus ein. Damit ist dies unser längster kontinuierlicher Hilfseinsatz. Unser Dank gilt den zahlreichen Aktiven, die diese Solidaritätsarbeit über Jahrzehnte getragen haben. Mit ihrem Einsatz haben sie es ermöglicht, dass seit über 35 Jahren Hilfe die vom Reaktorunfall Betroffenen erreicht. Patenschaften für einzelne Kinder, wie Nastja, haben dringend notwendige medizinische Behandlungen finanziert. Über Spendensammlungen wurden für Kinder Erholungskuren in nichtbelasteten Gebieten ermöglicht.
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Eine besondere Rolle spielt die langjährige und erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Strahleninstitut Belrad in Minsk, dessen Delegation wir in der letzten Woche in unserer Geschäftsstelle und bei Veranstaltungen in Ost-Brandenburg begrüßen durften. Beim Besuch in Berlin konnten wir einen symbolischen Scheck überreichen. Die Spenden ermöglichen die Anschaffung von drei Geräten zur Messung von Lebensmitteln sowie eines weiteren Geräts zur Bestimmung radioaktiver Teilchen im Körper von Kindern und Jugendlichen. Parallel zu diesen Erfolgen stehen wir jedoch auch vor Veränderungen: Die SODI-Gruppen entlang der Oder haben schweren Herzens beschlossen, ihre Arbeit nach dem 40. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe altersbedingt zu beenden. Doch die gemeinsame Projektarbeit von SODI und BELRAD wird weitergehen.

„Erinnern für die Zukunft – Verantwortung der Menschheit für den Erhalt des Planeten Erde als Lebensraum“ war das diesjährige Motto der „Tschernobyl-Woche“. Nicht zu vergessen, was passiert ist und welche Folgen es bis heute hat, war von Anfang an eine wichtige Säule der Arbeit von SODI. Gelebt wird das Motto auch in der Kooperation mit der Gesamtschule 3 mit gymnasialer Oberstufe in Eisenhüttenstadt. Dort engagieren sich Schüler:innen seit vielen Jahren mit Spendenläufen und eigenen Aktionen. „Der Apfel ist bei uns immer präsent“, sagten mir die Schüler:innen bei der bewegenden Veranstaltung in Eisenhüttenstadt am vergangenen Freitag. Gemeint ist der Apfel als Symbol für das Pektinpräparat, mit dem über kontaminierten Lebensmittel aufgenommenes Cäsium-137 ausgeschwemmt wird und bis heute die Gesundheit der Kinder in den betroffenen Gebieten in Belarus schützt. Ausgiebig nutzte die junge Generation die Gelegenheit, „unsere“ Nastja sowie Messingenieur Iwan Krasnopjorow vom Institut für Strahlensicherheit Belrad zu befragen.
Während wir den 40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe begehen, befinden sich weite Teile der Welt in einem brandgefährlichen Aufrüstungswettbewerb, in dem nukleare Trägersysteme modernisiert werden und auf „atomare Abschreckung“ gesetzt wird. Atomkraftwerke und -anlagen geraten in das Kreuzfeuer von Kriegen. In Bayern wird über kleine AKW „nachgedacht“. Das Interesse der jungen Generation gibt Hoffnung, dass wir entgegen dem aktuellen Trend eine Welt ohne Atomwaffen und Atomkraftwerke erreichen können.

Ihr Dr. Rolf Sukowski
Vorstandsvorsitzender
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