Bauen am Zusammenhalt
Der Frauenverband „Erayim" – zwischen traditioneller Gemeinschaftsarbeit und modernen Entwicklungszielen
Seit über dreißig Jahren kämpft der Frauenverband »Erayim« in Kirgisistan für stabile wirtschaftliche und soziale Verhältnisse. Gestützt durch internationale Partnerschaften, Spenden und Fördermittel sowie die Revitalisierung gemeinschaftlicher Solidaritätstraditionen entstehen wichtige Räume für Teilhabe und Impulse durch die Zivilgesellschaft.
Das untenstehen Interview erschien in der aktuellen Ausgabe unseres entwicklungspolitischen Magazins WEITWINKEL.

Was waren die Anfänge von »Erayim«?
Der Frauenverband »Erayim« (Mitgefühl, Wohltätigkeit) wurde 1995 informell als Frauenkomitee »Kurmandzhan Datka« (1) unter dem Dach der »Ashar«-Bewegung (2) aktiv. Dieses Komitee wurde gegründet, um sich der Probleme schutzbedürftiger Gruppen (Frauen, Kinder, kinderreiche Familien und alleinerziehende Mütter) in den Satellitenneubauvierteln der kirgisischen Hauptstadt Bishkek anzunehmen. Gründerin des Verbandes war die Journalistin Rakhila Ismailovna Zhusupova. Am 19. März 1998 wurde »Erayim« beim Justizministerium der Kyrgyzischen Republik registriert und nahm offiziell seine Arbeit in der gesamten Republik auf. Derzeit ist der Verband in folgenden Bereichen tätig: Armutsbekämpfung, Friedenserhaltung (3), Anpassung an den Klimawandel, Bereitstellung hochwertiger Bildung sowie Verbesserung der Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft auf der Grundlage nationaler Werte.
Der Verband »Erayim« ist in achtundzwanzig Dörfern der Republik aktiv. Er verfügt über ein eigenes Büro in der Hauptstadt Bishkek sowie zwei Filialen im südlichen Landesteil. Der Verband hat insgesamt einundzwanzig Angestellte (sechs Männer, fünfzehn Frauen). Unsere Vision ist ein Leben in Wohlstand für alle, wir wollen einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit und dem Wohlergehen der Gesellschaft leisten.
1) Benannt nach einer Nationalheldin (1811 – 1907), die nach der Ermordung ihres Mannes die Geschicke Südkirgisstans während der russischen Annexion lenkte.
2) Ashar (die Methode, kollektiver Beitrag, gegenseitige Hilfe): 1989 gegründete Bewegung für die Teilhabe der ethnischen Kirgisen am Arbeitsmarkt und öffentlichen Institutionen. Wichtige Positionen waren fast ausschließlich von Russ:innen besetzt.
3) Seit 1990 kam es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gruppen sowie Grenzkonflikten mit den Nachbarländern. Von 1996 bis 2006 herrschte Bürgerkrieg zwischen der maoistischen Kommunistischen Partei und der Regierung mit etwa 13.000 Toten und über 1.300 spurlos Verschwundenen, noch 2013 kam es trotz signifikanter Fortschritte etwa beim Schutz sexueller Minderheiten zu Übergriffen auf – und Diskriminierungen von Aktivist:innen, Frauen, migrantischen Arbeiter:innen, Menschen mit Behinderung und Angehörigen ethnischer Minderheiten.

Wie war die wirtschaftliche und soziale Lage in der südlichen Region Osh zu dieser Zeit?
Als die UdSSR kollabierte, brach das Planwirtschaftssystem mitsamt seinen ineffizienten Lieferketten zusammen, Fabriken, Kindergärten usw. stellten ihren Betrieb ein. Die Kollektiv- und Staatslandwirtschaften wurden aufgelöst, und staatliche Unternehmen privatisiert. Die sich daraus ergebenden Chancen blieben jedoch aufgrund mangelnder unternehmerischer Erfahrungen ungenutzt. Folglich stieg die Arbeitslosigkeit, und es kam zu einer massiven Arbeitsmigration innerhalb des Landes und ins Ausland. Die meisten Männer, die im Ausland nach Arbeit suchten, wurden dort aber schlecht bezahlt und oft um ihren Lohn betrogen. Also begannen auch immer mehr Frauen, auf der Suche nach Verdienst ins Ausland abzuwandern und ihre Kinder zu Hause zu lassen. Die Zahl der sozialen Waisen stieg rapide an. Die grassierende Arbeitslosigkeit führte dazu, dass die vor Ort gebliebenen Männer vor allem im ländlichen Raum dem Alkoholismus verfielen, sich mit Diebstählen und kriminellen Aktivitäten über Wasser hielten oder sich religiös-politischen Bewegungen anschlossen. Ganze Familien zerbrachen, Kinder blieben ohne Fürsorge. Alle Bürger:innen im Land litten unter Depressionen, Stress und den verschiedentlichsten Krankheiten, die ihre Lebenserwartung verkürzte. In den Geschäften waren kaum noch Lebensmittel zu bekommen, für Grundnahrungsmittel wie etwa Brot, Zucker und Öl sowie Sanitärartikel wurde ein Markensystem eingeführt.
Auf einen Blick
Kirgisstan zählte neben Tadschikistan und Usbekistan zu den ärmsten Teilrepubliken der UdSSR. Nach der Unabhängigkeit wurde der multiethnische Staat wegen seiner für postsowjetische Verhältnisse bemerkenswerten demokratischen Freiheiten oft als die »Schweiz Zentralasiens« bezeichnet. Die ungelösten Probleme wie Armut, Korruption, Kriminalität und Perspektivlosigkeitführten 2005 schließlich zum Sturz des Präsidenten Askar Akayev. Sein Nachfolger kam aus dem unterprivilegierten Süden und setzte sich 2010 nach teils gewalttätigen Protesten im Norden ins Ausland ab. Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen und Pogromen gegen Minderheiten. Allein in der Region Osh starben bei den Kämpfen zwischen Kyrgyzen und Usbeken Hunderte Menschen, Zehntausende wurden vertrieben. Bemühungen, unter der Übergangspräsidentin Rosa Otunbayeva eine parlamentarische Republik zu schaffen und einen Ausgleich zwischen den Nationalitäten zu finden, wurden durch ein umstrittenes Referendum von 2021 zunichte gemacht. Heute herrscht in Kirgisstan ein Präsidialsystem.
Welche Rolle spielen Frauen in der Gesellschaft, und was hat sich in den letzten Jahren verändert?
In der traditionellen kirgisischen Gesellschaft galt die Frau als verantwortlich für die Familie, die Kindererziehung und die Führung des Haushalts. Der Wert einer Frau wurde oft daran gemessen, ob sie eine gute Mutter, Ehefrau und Hüterin der häuslichen Feuerstelle war. Die kirgisische Kultur war durch ein respektvolles Verhältnis zwischen Männern und Frauen geprägt. Leider wurden in der sowjetischen Ära diese familiären Werte und Gepflogenheiten, die ein wichtiger Aspekt der traditionellen Kultur des kirgisischen Volkes waren, als überkommen betrachtet und eliminiert.
Heute nehmen Frauen wieder eine bedeutende Rolle bei der Lösung sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Probleme auf lokaler Ebene ein. Frauen haben das Recht zu wählen, eine Ausbildung zu machen, zu arbeiten und Eigentum zu besitzen. Gemäß der Verfassung der Kyrgyzischen Republik sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Frauen sind in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, öffentlicher Dienst, Privatunternehmertum und im zivilgesellschaftlichen Sektor tätig. Zugleich existieren vielerorts Geschlechterungleichheit, ein ungleicher Zugang zu Führungspositionen, häusliche Gewalt und stereotype Rollenmuster wie etwa von einer Schwiegertochter als gehorsamer Arbeitskraft. Junge Paare versuchen in solchen Fällen, sich von der Familie zu lösen. In den ländlichen Gebieten sind Frauen immer noch stark von ihren Partnern oder Familien abhängig. Kurz gesagt: Rechtlich besteht Gleichberechtigung, doch in der Praxis variiert die Stellung von Frauen in der Gesellschaft, je nach Tradition und wirtschaftlichen Bedingungen.
Gleichzeitig tragen Frauen nicht nur Lasten. Sie organisieren sich, sie leiten an und drängen auf Lösungen. Wir haben erlebt, wie Frauen sich in Gemeindegesprächen öffnen, wenn ihnen dafür Raum gegeben wird. Sie sprechen nicht nur über ihre unmittelbaren Nöte, sondern auch über Wasserversorgung, Landwirtschaft, Lebensgrundlagen, Migration, die Sicherheitslage und die Zukunft ihrer Gemeinschaften. Frauengruppen, darunter die »Aama Samuha« (Müttergruppen), Spargruppen und frauengeführte Existenzsicherungsgruppen, sind die Orte, an denen kollektives Denken beginnt. Sie sind oft der erste Ort, an dem persönliche Not zu öffentlichem Handeln führt. Eine Frau spricht dort vielleicht zunächst über Wasser, Schulden, Ernteausfälle oder die Abwesenheit ihres Mannes, der ins Ausland gegangen, doch aus diesen Gesprächen entstehen Ideen, Solidarität und lokale Führung.
Das ist besonders wichtig für Dalit-Frau en, die gleichermaßen unter den Folgen des Klimawandels und Diskriminierung leiden. Einige der eindringlichsten Botschaften aus der Praxis kamen von Frauen, die die größten Lasten tragen und dennoch den größten Willen zeigen, ihr Leben zu verbessern und zu gemein samen Lösungen beizutragen. Deshalb sind wir überzeugt, dass jeder ernsthafte Friedensprozess Frauen nicht nur als symbolische Teilnehmerinnen, sondern als zentrale Akteurinnen einbeziehen muss. Ohne die Stimmen von Frauen, insbesondere ohne die Stimmen armer und marginalisierter Frauen, kann es weder Gerechtigkeit noch dauerhaften Frieden geben.
Nepals Verfassung von 2015 und die lokalen Wahlgesetze schreiben die an gemessene Repräsentation von Frauen vor. So muss mindestens eine Frau in den Gemeinderäten vertreten sein und eine Frau als Kandidatin für das Amt des Bürgermeisters oder stellvertre tenden Bürgermeisters kandidieren. Das Kommunalverwaltungsgesetz von 2017 überträgt den stellvertretenden Vorsitzenden und stellvertretenden Bürgermeister:innen die Verantwortung für die Justizausschüsse, an die sich Bürgerinnen und Bürger zunächst wenden, um zu ihrem Recht zu kommen. Daher haben Frauen Initiativen für Gerechtigkeit angeführt, unter anderem zur Forderung nach Entschädigung für Überlebende sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt.

Können Sie konkrete Beispiele aus Ihrer Arbeit benennen?
»Erayim« hat im Süden Kirgisstans 92 Selbsthilfegruppen (SHG) (4) und sechs Selbsthilfegruppenverbände für schutzbedürftige Frauen aller Nationalitäten gegründet. Lassen Sie uns deren Aktivitäten kurz beschreiben. Im Zeitraum 2021 – 2025 führten die oben genannten Gruppen 59 wirtschaftliche, 109 soziale, 346 kulturelle (Stärkung von Freundschaft und Solidarität) Aktivitäten auf lokaler Ebene, 89 Umweltaktivitäten, 28 Aktivitäten in Zusammenarbeit mit verschiedenen Interessengruppen sowie vierzehn gemeinnützige Aktivitäten durch. In den letzten zehn Jahren haben diese Gruppen dreiundsechzig Mütterschulen organisiert – eine Form der Betreuung verlassener Kinder als Alternative zu Kindergärten. Siebzig Prozent dieser Mütterschulen wurden in staatliche Trägerschaft überführt, die übrigen dreißig Prozent befinden sich in privater Hand. Zur Finanzierung dieser Aktivitäten haben Mitglieder der Selbsthilfegruppen gemeinsam mit anderen Interessierten durch Spendenaktionen 30.673.910 kirgisische Som (KGS, entspricht 300.724 Euro) gesammelt. Mitglieder der Selbsthilfegruppen konnten gemeinsam mit den jeweiligen Interessensvertreter:innen insgesamt einundzwanzig Konflikte und Problemlagen der örtlichen Bevölkerung beheben, mittels der erprobten Methode eines »Bürgerforums«.
Als Beispiel seien zum Ersten die Aktivitäten der Selbsthilfegruppen »Adilet« (Gerechtigkeit) und »Dostuk« (Freund / Freundschaft) genannt, die im Dorf Seydikum in der Region Jalal-Abad gegründet wurden.
Die Selbsthilfegruppen »Adilet« und »Dostuk« überzeugten, nachdem sie an der von »Erayim« durchgeführten Schulung »Fördermaßnahmen und Interessenkonflikte« teilgenommen hatten, die Dorfverwaltung von Seydikum, Flächen und zwei von ARIS (Staatliche Agentur für Entwicklung und öffentliche Investitionen) errichtete Gebäude zu erwerben. Im Einzelnen konnten sie auf fünf Arbeitsfeldern der Selbsthilfegruppen bedeutende Erfolge erzielen: Im sozialen Bereich fanden sie Sponsoren, um einen Brunnen zu errichten.
Über diesen Brunnen werden die Felder von »Dostuk« und »Adilet« bewässert, und acht Familien mit sauberem Trinkwasser versorgt. Die Dorfverwaltung von Seydikum gab praktische Unterstützung und stellte 4,7 Hektar Land zur Verfügung, einschließlich eines leerstehenden Gebäudes auf dem Gelände. Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe, die 3.200 Som aus ihren organisationseigenen Sparfonds und 6.000 Som aus privatem Sparvermögen einsetzten, schufen sich die Voraussetzungen für ihre Arbeit, indem sie einen Raum des Gebäudes zu einem Kindergarten, einen zu einem Büro und einen zu einer Küche umbauten. Zwei Hektar Land werden mit dem Anbau von Pflanzen bewirtschaftet.
Zum wirtschaftlichen Aspekt ist zu sagen, dass »Adilet« und »Dostuk« im Jahr 2023 Tomaten-, Gurken-, Paprika-, Auberginenund Zwiebelsamen von mittelständischen Landwirten kauften und in Gewächshäusern Setzlinge zogen. Die Landwirt:innen stellten zusätzlich Landwirtschaftsgerät zur Verfügung.
Im Folgejahr konnten sie 165.000 Tomatensetzlinge für 59.400 KGS, 28.500 Paprikasetzlinge für 9.975 KGS, 20.200 Auberginen und Zwiebelsetzlinge für 7.676 KGS sowie 9.130 Kilogramm Gken für 273.900 KGS verkaufen. Frauen, die zuvor arbeitslos waren, verdienten nun 439.451 KGS im Jahr, bei einem landesweiten Durchschnittseinkommen von 432.000 KGS (entspricht ca. 4.215 Euro/Jahr).
Zur Qualitätssicherung und um die landwirtschaftliche Tätigkeit auf eine höhere Ebene zu bringen, wandten sich die nunmehrigen Agrargenossenschaften »Adilet« und »Dostuk« mit dem Vorschlag, eine Konservenabfüllstation für Gemüse und ein Logistikzentrum zur Lagerung von Gemüse und Obst zu errichten, an das UN-Welternährungsprogramm. Dessen Vertreter:innen begutachteten die landwirtschaftlichen Aktivitäten von »Adilet« und »Dostuk« und sagten Unterstützung zu. Beide Projekte wurden schließlich realisiert.
Als Umweltschutzmaßnahme reinigten sie einen als Müllgrube genutzten Brunnen, entsorgten insgesamt zwei Lkw-Ladungen Müll und befüllten ihn mit 50 Tonnen Wasser für landwirtschaftliche Zwecke. Um landwirtschaftliche Produkte frei von Giftstoffen zu halten, stellen sie flüssigen Biodünger her und bringen diesen auf den Flächen aus. Den Überschuss an Dünger verkauften sie an die Maisgenossenschaft sowie an Einzelbäuer:innen, die Reis und Wassermelonen anbauen. Aufs Jahr waren das 1.770 Tonnen Flüssigdünger. Bei einem Verkaufspreis von 50 Som pro Liter wurde damit ein Gewinn von 88.500 Som (863 Euro) erzielt. Die Herstellung ökologischer Produkte lohnt sich auch wirtschaftlich. Mittlerweile wurden mit 160 Agrarbetrieben Verträge über die Lieferung von Biodünger abgeschlossen.
Als gemeinnützige Maßnahme erhielten zehn bedürftige Familien kostenlos Gurken und Tomatensetzlinge im Wert von 2.000 KGS. Im Sommer wird der staatliche Kindergarten »Kelechek« (Zukunft) täglich mit jeweils fünf Kilo Tomaten, Paprika und Gurken beliefert, für elf Halbwaisen im Kindergarten wurden Wollpantoffeln im Wert von 2.750 Som gefertigt.
Auch im Kulturbereich waren beide aktiv, sie beteiligten sich mit einer Projektskizze an einer Ausschreibung und gewannen ein Computer-Komplettsystem. Zwei Vertreter:innen der SHG »Adilet« fuhren zur Tagung »Biolandwirtschaft«, die am 17. Mai 2023 vom Landwirtschaftsministerium der Provinz Jalal-Abad ausgerichtet wurde und auf der Landwirt:innen, die ausschließlich Biogemüse und -obst anbauen, ihre Erfahrungen austauschten.
Ein zweites Beispiel ist die Aktivität der Selbsthilfegruppe »Ak-Niet« (Vertrauen, Wahrhaftigkeit) aus der Gegend von Kenesh im Bezirk Bazar-Korgon, deren Mitglieder an Schulungen von »Erayim« teilgenommen hatten. Unmittelbar unter dem Eindruck des Seminars »Partizipative ländliche Zustandsfeststellung« hielten sie mit allen Dorfbewohner:innen ein Treffen ab, auf dem die vorrangigsten Probleme identifiziert wurden: Das Fehlen einer Getreidemühle, der schlechte Zustand der Fußböden der Oberschule Nr. 14 »1. Mai« und schließlich der Umstand, dass die Fenster der Klassenzimmer marode waren und die Wärme nicht halten konnten.
Zunächst erstellte die Selbsthilfegruppe einen Projektantrag zur Lösung der Mühlenfrage. Sie reichte ihn bei ARIS ein, die das Projekt genehmigte, den Dorfbewohner:innen ein Mahlwerk im Wert von neun Millionen KGS zur Verfügung stellte und eine Mühle errichtete. Der Dorfrat stellte das Grundstück dafür bereit.
470.000 Som wurden aus dem staatlichen Konjunkturprogramm für die Sanierung der Schulfußböden bewilligt, aufgrund des dritten Antrags konnten für 3,6 Millionen Som neue Fenster eingebaut werden.
Nach den interethnischen Konflikten 2010 in Südkirgisstan schulte »Erayim« in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Psychologie der Kyrgyzischen Nationaluniversität sechzehn örtliche Psycholog:innen (zwölf Frauen und vier Männer; elf Kirgisen und fünf Usbeken) für die Arbeit mit psychisch verletzten Kindern.
An fünf Schulen wurden mobile psychologische Kliniken eingerichtet.
- 522 Kinder (244 Usbek:innen, 250 Kyrgyz:innen, 26 meskhetische Türk:innen, ein/e Tadschik/in, ein/e Uigur/in) wurden in diesen Kliniken diagnostiziert und konnten durch Mentaltraining die Fähigkeit wiedererlangen, mit problematischen Emotionen umzugehen.
- 280 dieser Kinder waren Mädchen, 242 Jungs. Sechzehn Mädchen und dreiundzwanzig Jungen wurden spezialmedizinisch versorgt. Die Eltern und Kinder errichteten in Eigeninitiative drei Spielplätze und zwei Kindersportplätze.
Für die Finanzierung des Projekts wandte sich »Erayim« an den Präsidenten der Republik, an lokale Behörden und Geschäftsleute und konnte auf diesem Weg 1.780.000 KGS (17.365 Euro) einwerben.
4) Selbsthilfegruppe: inoffizieller, freiwilliger Zusammenschluss von Menschen, der im Rahmen der Republiksgesetze agiert und seine Arbeit nach demokratischen Grundsätzen ausübt. SHGs sind seit dem Jahr 2000 in Kirgisstan aktiv, sie stützen sich auf die Ressourcen und Managementfähigkeiten ihrer Mitglieder, deren wachsendes Selbstvertrauen, sich im öffentlichen wie privaten Bereich mit Themen auseinanderzusetzen und sich für die eigenen Belange zu engagieren.

Welche Erwartungen haben die Frauen an die Arbeit Ihrer Organisation? Welche Erwartungen haben sie an die Gesellschaft?
Von unserem Verband erwarten die Frauen Gelegenheiten, ihre Fähigkeiten auszubauen, sich moderne Methoden der Geschäftsführung anzueignen, traditionelle Praktiken zur Bewahrung familiärer Werte wiederzubeleben (5) , moralischen Beistand zu erhalten und neue Methoden zur Lösung von Familienkonflikten und außergerichtlicher Streitbeilegung zu erlernen.
5 In diesem Kontext heißt das die Wiederherstellung sozialer Gefüge, die durch den wirtschaftlichen Kollaps, erzwungene Migration, Kriminalität und bewaffnete Konflikte zerstört wurden.
Wie wird Ihre Arbeit in der Gesellschaft wahrgenommen?
Der Frauenverband »Erayim« ist der Öffentlichkeit als die zuverlässigste und leistungsstärkste Organisation in Kirgisstan bekannt.
Der Verband ist zudem als eine Institution bekannt, die einen signifikanten Beitrag zur Aufrechterhaltung des Friedens und zum gegenseitigen Verständnis zwischen den Bevölkerungsgruppen in Südkirgisstan geleistet hat. Sie kümmert sich um Kinder in ganz Kirgisstan und trägt dazu bei, würdige Menschen für die Zukunft heranzubilden. »Erayim« ist die einzige Organisation in der Republik, in der Kinder ihre eigenen Selbsthilfegruppen gegründet haben, um sich die Bildung und Erziehung zu verschaffen, die Eltern und Schulen ihnen nicht bieten.
Was sind die Erfolge und Herausforderungen, denen Sie bei Ihrer Arbeit begegnen?
Seit seiner Gründung hat »Erayim« mehr als sechzig Lang- und Kurzzeitprojekte durchgeführt. Diese Projekte wurden unterstützt von dem amerikanischen Verein »Tricle UP« (Programm, um Frauen Wege aus der Armut zu weisen), dem »Kol Kabysh«-Programm der Weltbank, der niederländischen Organisation »HIVOS« (zur Unterstützung von Bürgerbewegungen), dem österreichischen ICEP (Verein für Globale Entwicklung), der Schweizer »Caritas«, der deutschen »Brot für die Welt«, SODI, dem Direct Aid Program der australischen Regierung, der britischen Charity Aid Foundation, dem Erayim Aid Trust UK, der US-Botschaft usw.
Durch unsere Aktivitäten wurden mehr als fünftausend Arbeitsplätze geschaffen, über siebenhundert Bürger:innen erhielten rechtlichen und psychologischen Beistand. Dreiundsechzig Mütterschulen wurden eröffnet, etwa fünftausend Kinder wurden unterrichtet und eingeschult, achtzehn lokale Mediatoren ausgebildet.
Es gibt aber auch Hemmnisse für unsere Arbeit. Der Fortgang der von der Regierung 2024 beschlossenen Verwaltungs- und Gebietsreform, der häufige Wechsel der Führungskräfte im ländlichen Raum und die Einführung des Status »ausländischer Agent« in das vom Parlament am 14. März 2024 verabschiedete Gesetz »Über nichtkommerzielle Organisationen« behindern die Aktivitäten unseres Verbandes.
Auch alltägliche Probleme machen uns zu schaffen. So befindet sich unser Büro in der untersten Etage eines Vierstöckers, im Souterrain, das sehr kalt ist. Sämtliche Mitarbeiter:innen haben chronische Schmerzen in den Füßen und Knien. In den Filialen sind die Arbeitsbedingungen ähnlich schlecht, als gemeinnützige Organisation haben wir nicht die Mittel, um zu heizen. Dennoch lassen wir uns davon nicht von unserer Mission abhalten.
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- Weiterlesen
- Ein zweisprachiger Text/ Bildband über Binnenmigration und Grenzverkehr anhand persönlicher Porträts.
- Mahabat Sadyrbek, Darja A. Nesterova, Louise Amelie Müller, Moritz Borchardt:
- Missing Member: Kyrgyzstan – A Country on the Move
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