Frauen im Waldgebiet – ökologisches und soziales Wirtschaften
Die Vietnam Union of Friendship Organization of Thua Thien Hue Province (HueFO) setzt sich seit fast 20 Jahren dafür ein, die Lebensbedingungen der Menschen in der Region nachhaltig zu verbessern. Hồ Quang Giàu, Englisch-Koordinator der Organisation, berichtet, wie lokal verankerte Umweltprojekte insbesondere Frauen neue Einkommensperspektiven eröffnen und zugleich ihre gesellschaftliche Mitbestimmung stärken.
Der Bericht erschien zunächst im entwicklungspolitischen Magazin WEITWINKEL.

Sozio-ökologische Transformation für Frauen aus ethnischen Minderheiten
Seit fast zwanzig Jahren arbeitet die Vietnam Union of Friendship Organization of Thua Thien Hue Province (Union der Freundschaftsorganisationen der Stadt Huế) mit Partnern aus Deutschland, den USA, Malaysia und Norwegen in den Bereichen Bildung, Gesundheitsversorgung, nachhaltige Lebensgrundlagen, Nachkriegsbewältigung und soziale Wohlfahrt.
Derzeit koordiniere ich das Projekt »Sozio-ökologische Transformation für Frauen aus ethnischen Minderheiten durch die Schaffung nachhaltiger Lebensgrundlagen in A Lưới, Vietnam« im Gebiet des Trường-Sơn-Gebirges an der Grenze zu Laos, das für seine Wälder, seine Artenvielfalt und schöne, aber auch herausfordernde Natur bekannt ist. Es ist eine Region, in der viele Gemeinschaften ethnischer Minderheiten immer noch unter Armut, begrenzten Einkommensmöglichkeiten und mangelnden Chancen auf Verbesserung ihrer Lebensbedingungen leiden.
A Lưới hat 53.828 Einwohner:innen, 24,4 % davon gelten als arm. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt mit etwa 36 Millionen VND (1167 Euro) pro Person unter dem nationalen Durchschnitt. Die meisten Menschen arbeiten in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Tierhaltung. Das Gebiet, in dem das Projekt tätig ist, umfasst mehr als 450 Quadratkilometer und eine Bevölkerung von über 41.000 Menschen.
Die Region ist geografisch abgelegen, voller kulturellem Reichtum, zugleich geprägt von eingeschränktem Zugang zu Informationen und Dienstleistungen und struktureller Benachteiligung insbesondere von Frauen aus ethnischen Minderheiten, die sich nur langfristig beheben lässt.
In den Projektgemeinden spielen Frauen und Mädchen eine zentrale Rolle in den Familien. Sie sind für die Betreuung von Kindern, älteren Familienmitgliedern und den Haushalt verantwortlich sowie für die alltäglichen Aufgaben, die das Familienleben überhaupt am Laufen halten. Mädchen lernen schon früh, dass häusliche Pflichten Vorrang vor Bildung oder persönlicher Entwicklung haben. Obwohl Frauen eine so große Last tragen, wird ihre Arbeit oft nur als mindere Hausarbeit betrachtet und nicht gleichermaßen anerkannt wie Arbeit, die traditionell den Männern zugeschrieben wird.
Laut der lokalen Frauenunion prägen patriarchale Normen noch immer stark das Gemeinschaftsleben. Von Männern wird erwartet, dass sie auf dem Feld, im Wald und in anderen einkommensrelevanten Bereichen arbeiten, während Frauen sich auf das Zuhause beschränken sollen. Dadurch haben Frauen oft weniger Möglichkeiten, Wissen zu erwerben, Bildung zu erhalten oder wirtschaftliche Unabhängigkeit zu entwickeln. Ihr Zugang zu Ressourcen und zum öffentlichen Leben ist eingeschränkt, was sie in hohem Maße von männlichen Familienmitgliedern und bestehenden sozialen Strukturen abhängig macht.
Sprachbarrieren machen die Situation für Frauen nicht leichter. Viele verfügen nur über begrenzte Vietnamesischkenntnisse. Da ihr Alltag weitgehend innerhalb der Familie und Dorfgemeinschaft stattfindet, haben sie nur selten Gelegenheit, Selbstvertrauen aufzubauen und neue Kontakte zu knüpfen. Sie nehmen weniger öffentliche Dienstleistungen in Anspruch und haben weniger Zugang zur Jobmöglichkeiten.
In der Folge erleben viele Frauen nicht nur wirtschaftliche Unsicherheit, sondern auch soziale Isolation. Das schränkt ihre Möglichkeit ein, bei Fällen häuslicher Gewalt für sich selbst einzustehen oder Hilfe zu suchen. Es sind viele Hindernisse, die sich auf dem Weg zu Unabhängigkeit, Teilhabe und Würde auftürmen.
In unserer Arbeit konzentrieren wir uns auf drei eng miteinander verbundene Bereiche: die Stärkung von Frauen und den Ausbau von Wissen und Fähigkeiten, umweltverträgliche Praktiken sowie die Verbesserung der Lebensgrundlagen. Denn wirtschaftliche Not, begrenzter Zugang zu Wissen und ökologische Verwundbarkeit betreffen Frauen oft gleichzeitig. Manche unserer Aufklärungs- und Bildungsmaßnahmen schaffen bereits für Mädchen Möglichkeiten, sich einzubringen und früh zu lernen.
Neben der Vermittlung von Wissen und von praktischen Fähigkeiten geben wir Frauen aus ethnischen Minderheiten Möglichkeiten, Erfahrungen auszutauschen und mehr Selbstvertrauen zu gewinnen.
Dort, wo Frauen traditionell auf den häuslichen Bereich beschränkt sind, ist dieser Aspekt besonders wichtig. Er hilft ihnen, sich aktiv an Entscheidungen in der Familie, am Gemeinschaftsleben und lokalen Entwicklungsprozessen zu beteiligen. Empowerment bedeutet auch Mitsprache, Selbstvertrauen und Zugang zu Informationen und Chancen.

Das Leben dieser Gemeinschaften ist eng mit Land, Wäldern und natürlichen Ressourcen verbunden, eine langfristige Verbesserung nur möglich, wenn wirtschaftliche Entwicklung mit ökologischer Verantwortung einhergeht. Aus diesem Grund unterstützt das Projekt Praktiken und Modelle zur Existenzsicherung, die nicht nur für Frauen praktikabel sind, sondern auch zum lokalen ökologischen Kontext passen.
Wir unterstützen die Frauen dabei, ihre Einkommensquellen zu stärken und zu diversifizieren. Das ist besonders wichtig in Gebirgslandschaften wie A Lưới, wo viele Familien trotz harter Arbeit unter unsicheren Lebensbedingungen leiden. Die Frauen sollen selbstbewusst zum Unterhalt ihrer Familien beitragen und ihre wirtschaftliche Abhängigkeit verringern können. Wir sensibilisieren für den Umweltschutz mit Aktivitäten wie einem Kunstwettbewerb für Grundschulkinder, Fotopräsentationen zur Förderung des Waldschutzes, Bildungsmaßnahmen sowie gemeindebezogener Kampagnenarbeit. Dazu wird als Beitrag zur Bewahrung lokalen Wissens und Förderung des Umweltbewusstseins ein Buch über indigene Kultur und Wissen um nachhaltiges Leben erarbeitet.
Zum Projekt gehören auch konkrete Umweltschutzmaßnahmen, wie etwa die Bambusanpflanzungen an Flussund Bachufern, um Erosion und Erdrutschrisiken zu verringern und Häuser und landwirtschaftliche Flächen zu schützen.
Gefördert wird die Nutzung alternativer Energiequellen, indem Solarlampen für die Beleuchtung in der Gemeinde bereitgestellt werden. Umweltschutz wird so unmittelbar im Alltag erfahrbar. Und nicht zuletzt sollen Einkommensquellen für Frauen geschaffen werden, nach dem selben Prinzip wie beim Umweltschutz: Nutzung lokaler Ressourcen auf praktische als auch nachhaltige Weise.
In einem Modellversuch wird Pfeilwurz angebaut, Produkte auf Pfeilwurzbasis werden entwickelt, Schulungen in Ökotourismus durchgeführt sowie Leitlinien für nachhaltige Lebenssicherung erarbeitet. Bemerkenswert ist, dass dabei auf lokales Wissen, lokale Materialien und Entwicklungsansätze zurückgegriffen wird, die an die Umgebung angepasst sind.
Das Wichtigste an diesem Projekt ist, dass Frauen nicht nur als Begünstigte betrachtet werden. Sie werden durch ihre Aktivität als zentrale Akteurinnen der Gemeinwesenentwicklung wie auch im Umweltschutz anerkannt. Auf diese Weise erhöht sich ihr Status und ihr Selbstvertrauen, sich zu engagieren.
Es gibt aber noch Etliches zu verbessern. Vor allem den Zugang von Frauen aus ethnischen Minderheiten zu Bildung, beruflicher Ausbildung, öffentlichen Dienstleistungen und ökonomischen Möglichkeiten. Sprachbarrieren stellen weiterhin eine große Herausforderung dar, wie auch die wirtschaftliche Abhängigkeit von ihren Familien. Gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass es in den letzten zehn Jahren wichtige positive Veränderungen gegeben hat. Das Bewusstsein für Geschlechtergleichstellung hat zugenommen, und es besteht heute ein stärkeres Verständnis dafür, dass Frauen, insbesondere Frauen aus ethnischen Minderheiten, nicht nur zu betreuen, sondern auch als aktive Teilnehmerinnen am sozialen und wirtschaftlichen Leben unterstützt werden müssen.
Mehr Frauen konnten an Gemeinschaftsaktivitäten, Schulungsprogrammen und Projekten zur Existenzsicherung teilnehmen. Lokale Behörden, Massenorganisationen wie die Frauenunion sowie internationale Entwicklungspartner schenken den spezifischen Herausforderungen, mit denen Frauen konfrontiert sind, zunehmend Aufmerksamkeit. In vielen Gemeinschaften sind Frauen heute sichtbarer, selbstbewusster und stärker eingebunden als früher.
Allerdings ist der Fortschritt nicht gleichermaßen bemerkbar, viele strukturelle Probleme bestehen weiterhin. Ich würde sagen, dass die letzten zehn Jahre eher Grundlagen geschaffen haben als eine vollständige Transformation. Es bleibt noch viel für die Partizipation von Frauen und Mädchen zu tun.
Unser Ansatz und unsere Erfahrung könnte auch für andere ostasiatische Länder mit ähnlichen Herausforderungen relevant sein, insbesondere in ländlichen oder ethnischen Minderheitengemeinschaften, in denen Armut, Geschlechterungleichheit und eingeschränkter Zugang zu Wissen und öffentlichen Dienstleistungen noch immer zum Alltag gehören. Was diesen Ansatz aus meiner Sicht besonders wertvoll macht, ist, dass er nicht bei kurzfristiger Unterstützung stehen bleibt. In unserer Arbeit verbinden wir Schulungen, gemeinsames Lernen und praktische Modelle zur Existenzsicherung. Die Menschen nehmen neue Ideen auf und setzen sie in ihrem eigenen Alltag um. Veränderung ist mehr als nur vorübergehende Hilfe – sie wird zu etwas, worauf die Menschen selbst aufbauen können.
Der Ansatz lässt sich über A Lưới hinaus übertragen. Der Kontext mag sich unterscheiden, doch viele Herausforderungen sind in ganz Ostasien ähnlich. Aus meiner Erfahrung heraus gibt es in dieser Art von Arbeit einen echten Austausch von Lernprozessen. Entwicklung beginnt nicht mit Prognosen, sondern mit Zuhören. Wir hören den Menschen vor Ort aufmerksam zu und arbeiten zugleich eng mit den zuständigen staatlichen Stellen zusammen. Wir evaluieren vor Ort, was die Gemeinschaften tatsächlich brauchen, bevor wir Projektmaßnahmen planen. So vermeiden wir es, vorgefertigte Lösungen von außen einzubringen.
Wir bemühen uns, unsere Arbeit an die lokale Politik und Entwicklungspläne anzupassen. So befindet sich das Projekt nicht außerhalb des lokalen Systems, sondern arbeitet mit ihm zusammen. Es kann die lokalen Behörden dabei unterstützen, Gemeinschaften effektiver zu erreichen, und zugleich den Menschen vor Ort Zugang zu Ressourcen zu verschaffen. Ich habe beobachtet, dass Frauen, wenn sie sowohl Wissen als auch ein praktisches Modell erhalten, dieses häufig schnell an ihre eigenen Familien und Gemeinschaften anpassen.
Für mich ist es genau das, was diese Art der Zusammenarbeit sinnvoll macht. Es geht nicht nur um Partnerschaft im formalen Sinne, sondern um einen gemeinsamen Prozess des Zuhörens, Lernens und gemeinsamen Handelns. Und ich glaube, genau das macht Entwicklungsarbeit nachhaltig: Sie wächst aus lokalen Erfahrungen heraus und bietet zugleich Erkenntnisse, die auch für andere Gemeinschaften mit ähnlichen Herausforderungen hilfreich sein können.
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