Am Anfang steht die Aufklärung: Neue Rollenbilder in der Ukraine
Die Fraueninitiative Divchata kämpft gegen geschlechtsspezifische Gewalt
Der Krieg in der Ukraine hat fest verankerte patriarchale Denk- und Handlungsstrukturen sichtbar gemacht.
Gleichzeitig gewinnt das Thema Menschenrechte, insbesondere die Gleichstellung der Geschlechter für die ukrainische Zivilgesellschaft an Bedeutung.
Die Fraueninitiative Divchata leistet grundlegende Aufklärungsarbeit. Sie spricht gezielt schambehaftete Themen an, um diese zu enttabuisieren und sensibilisiert für das Thema geschlechtsspezifische Gewalt.
- Gender-Equality seit 2014 auf dem Vormarsch – trotz patriarchalischer Strukturen
- Ukrainische #JaNeBoysySkałati Bewegung startete schon 2016 – vor #MeToo international
- Istanbul-Konvention wurde 2022 ratifiziert: Konkreter Schutz gegen Gewalt gegen Frauen
- Sexualaufklärung für Teenager? Seit 2016 im Gespräch, heute Kooperation mit Bildungsministerium
Nach 4 Jahren Krieg kämpfen Frauen gleichberechtigt an der Front, aber auch für ihre Rechte und für eine gerechte Zukunft im Wiederaufbau.
Das untenstehen Interview erschien in der aktuellen Ausgabe unseres entwicklungspolitischen Magazins WEITWINKEL.

Die ehemalige Sowjetunion und ihre Nachfolgestaaten waren und sind zumeist noch immer patriarchalische Gesellschaften. Wie haben Sie und Ihre Kolleg:innen das wahrgenommen, als Sie Ihre NGO gründeten?
Die ukrainische Gesellschaft ist leider bis heute patriarchalisch geprägt, noch stärker war das, als »Divchata« (Mädchen) vor zehn Jahren seine erste Initiative zur Sexualaufklärung startete. Trotz des Krieges und anderer Herausforderungen hat jedoch die Gesellschaft in den letzten zehn Jahren erhebliche Fortschritte erzielt.
Die ukrainische Zivilgesellschaft als Ganzes hat begonnen, sich aktiv zu entwickeln, und das Thema Menschenrechte, insbesondere die Gleichstellung der Geschlechter, hat seit 2014 (1) zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dies ist ein sehr langsamer Prozess, und noch liegt viel Arbeit vor uns. Verglichen mit der Situation vor zehn Jahren macht das Land jedoch deutliche Fortschritte. Vor der Corona-Pandemie fanden am 8. März in den größten Städten der Ukraine Frauenmärsche mit Tausenden von Teilnehmer:innen statt.
Eine der Hauptforderungen war damals die Ratifizierung der Istanbul-Konvention (zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt). Die Ukraine ratifizierte das Dokument schließlich 2022.
Vor zehn Jahren erfuhr eine Bewegung von Überlebenden von Gewalttaten, die den Mut hatten, über ihre Erfahrungen zu sprechen, in der Ukraine breite Unterstützung. Diese Bewegung ließe sich mit der internationalen #Me-Too-Bewegung vergleichen, begann in der Ukraine jedoch noch früher: 2016 mit dem ukrainischen Hashtag #ЯНеоюсьСказати (Ich habe keine Angst, es zu sagen). Dadurch rückte das Thema geschlechtsspezifischer Gewalt in das öffentliche Bewusstsein.
Ein spezielles Kennzeichen einer patriarchalischen Gesellschaft ist die strikte Trennung der Geschlechterrollen: Männer beschützen, Frauen kümmern sich um die Kinder und erziehen sie. 2014 begann der Krieg in der Ukraine, und seitdem schließen sich immer mehr Frauen den Streitkräften an, um gleichberechtigt mit den Männern das Land zu verteidigen.
Wir von der NGO Divchata arbeiten nicht im militärischen Bereich, aber die Situation in der Landesverteidigung verdeutlicht doch ziemlich die fortschreitende gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter in den letzten zehn Jahren. Schließlich verbot das ukrainische Gesetz noch 2016 ganz offiziell Frauen die Ausübung hunderter gefährlicher oder anspruchsvollerer Tätigkeiten, darunter auch den Dienst beim Militär. 2017 wurde dieses Verbot jedoch aufgehoben – ein großer Schritt für das Land hin zu mehr Geschlechtergleichstellung und einem Wandel der Geschlechterrollen.
1 Das Jahr markiert eine Zeitenwende, als prorussische Separatisten mit verdeckter Unterstützung die »Volks- republiken Donezk und Luhansk« ausriefen und die Krim annektiert wurde.

Wie wurde Ihr Sexualaufklärungsprogramm für Teenager anfänglich aufgenommen? Erfuhren Sie Unterstützung oder stießen Sie auf Widerstand oder Ablehnung?
Unsere ersten Sexualaufklärungsinitiativen starteten wir 2016. Wir begannen mit Vorträgen von Ärzt:innen und Spezialist:innen, hauptsächlich zur Menstruationshygiene. Zu dieser Zeit waren Fragen der weiblichen Physiologie und Menstruation große Tabuthemen, die Menschen trauten sich nicht, offen darüber zu sprechen. Eltern sprachen darüber nicht mit ihren Kindern, und Sexualaufklärung wurde in Schulen höchst selten thematisiert. Seitens der Schulen und auch der Kinder selbst stießen wir auf Vorbehalte und große Widerstände. Denn solche Fragen waren extrem schambehaftet und mit einem Stigma versehen. Es gab auch die Befürchtung, dass der konservative Teil der Gesellschaft, insbesondere die Kirche, sich erbittert gegen einen Sexualkundeunterricht stellen würde.
Heute, zehn Jahre später, haben wir einen eigenen fakultativen Sexualkundeunterricht für alle Klassenstufen entwickelt. Wir erhalten für unsere Kurse regelmäßige Anfragen von Schulen aus der gesamten Ukraine und kooperieren mittlerweile sogar mit dem ukrainischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft. Das ist bereits ein großer Schritt in Richtung Enttabuisierung der Sexualaufklärung, wir arbeiten aber weiterhin daran, all die Mythen rund um dieses Thema aufzulösen.
Häusliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen wird oft verdrängt. Wie geht man mit dieser Frage in der Ukraine um? Wie verhält sich die Bevölkerung dazu, und wie ist die Rechtslage?
Die Ukraine hat mittlerweile einen deutlich definierten Rechtsrahmen zur Bekämpfung häuslicher Gewalt geschaffen. Das Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung häuslicher Gewalt ist seit
2017 in Kraft, und seit 2019 steht systematische häusliche Gewalt unter Strafe gemäß Artikel 126 I des ukrainischen Strafgesetzbuches, der alle Formen physischer, psychischer, wirtschaftlicher und sexueller Gewalt, einschließlich Gewalt in der Ehe, umfasst.
Im Jahr 2022 ratifizierte die Ukraine die Istanbul-Konvention und bekräftigte damit ihr Bekenntnis zu internationalen Standards im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt, zu den Prinzipien des Übereinkommens der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau und opferorientierten Ansätzen bei der Umsetzung.
Dementsprechend können Betroffene in der Ukraine ein System von Schutzund Unterstützungsmaßnahmen in Anspruch nehmen, darunter einstweilige Verfügungen gegen den Gewalttäter, eine kostenlose Rechtsberatung, soziale und psychologische Dienste sowie fallspezifische Unterstützung.
Trotz des gut ausgebauten Rechtsrahmens bleiben noch etliche Herausforderungen, was die praktische Umsetzung dieser Mechanismen anbetrifft, insbesondere in kleineren Gemeinden. Teilweise ist der Zugang zu Unterstützungsleistungen und Informationen eingeschränkt, und tief verwurzelte Geschlechterstereotype wirken immer noch fort.
Im größeren gesellschaftlichen Kontext ist in der Ukraine jedoch ein zunehmender Nulltoleranzansatz gegenüber Gewalt und ein stärkererFokus auf Menschenrechte und internationale Standards zu beobachten. Immer häufiger wird in der Öffentlichkeit, auch von Meinungsmacher:innen und Repräsentant:innen des Kulturbereichs, deutlich gemacht, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen in keiner Form als gesellschaftliche Norm akzeptabel ist. Darüber hinaus geht diese Entwicklung mit einem Anstieg der Zahl von Überlebenden geschlechtsspezifischer Gewalt einher, die den Mut finden, Hilfe zu suchen und offen über das zu sprechen, was sie erleiden mussten.
Welche Möglichkeiten haben bzw. nutzen Sie, gerade in Kriegszeiten, die Rechte von Frauen zu stärken und die Gleichstellung der Geschlechter in der Gesellschaft zu festigen?
»Divchata« nutzt für seine Anliegen aktiv jede sich bietende Gelegenheit, sowohl in der Ukraine als auch auf internationaler Ebene. Seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine leisteten wir tatkräftig überlebenswichtige Hilfe für kriegsbetroffene Frauen. Im ersten Kriegsjahr haben wir ein umfangreiches psychologisches Unterstützungsprogramm entwickelt, das mittlerweile eine Hotline, ein Team von Dutzenden Onlineund Offline-Psycholog:innen sowie Spezialist:innen in mobilen Teams umfasst, die in kaum zugänglichen Gemeinden arbeiten.
Der Krieg dauert nun seit über vier Jahren an, und mittlerweile arbeiten wir an strategischeren Fragen. So sind wir beispielsweise dem zivilgesellschaftlichen Beratungsstab der Plattform für Gender-Mainstreaming und Inklusion während des Wiederaufbaus (2) beigetreten und haben gemeinsam mit anderen Organisationen einen Leitfaden mit dem Titel »Zehn Bausteine für einen geschlechtergerechten Wiederaufbau« entwickelt. Anders ausgedrückt: Wir arbeiten bereits an einer Vision für eine zukünftige Ukraine, die die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen berücksichtigen und Frauen und ihre Expertise einbeziehen muss.
»Divchata« engagiert sich auf internationaler Ebene aktiv für die örtlich genau abgestimmte humanitäre Hilfe in der Ukraine und die hinreichende Berücksichtigung der Belange der Frauen. Auf allen uns zur Verfügung stehenden Kanälen und Plattformen erzählen wir von unseren Erfahrungen darüber, wie Frauen in der Ukraine während des Krieges leben, welchen Herausforderungen und Gefahren sie ausgesetzt sind und wie sich der anhaltende Ausnahmezustand auf ihre Lebensbedingungen und ihre psychische Widerstandsfähigkeit auswirkt. Nach der drastischen Kürzung der US-amerikanischen Finanzhilfen ist die Bewältigung dieser Herausforderung zu einem neuen Schwerpunkt unserer Interessensvertretung geworden.
Yulia Sporysh, Direktorin der NGO »Divchata«, sprach im März 2026 vor der Kommission für die Rechtsstellung der Frau (Committee on the Status of Women) in New York. Zuvor, im Februar
2026, sprach Yulia im Vorfeld des sechsten Treffens der Hohen Kommissare für Humanitäre Hilfe für die Ukraine (Humanitarian Senior Officials Meeting on Ukraine) bei einer Geberdialogveranstaltung in der britischen Vertretung in Brüssel.
Vertreterinnen von »Divchata« waren auch 2026 auf der Woche der humanitären Netzwerke und Partnerschaften in Genf und 2024 beim 6. Hauptstadttreffen des Netzwerks der Kontaktstellen für Frauen in Frieden und Sicherheit (Capital-Level Meeting of the Women Peace Security Focal Points Network) anwesend.
Im zweiten Jahr unseres Bestehens hatten wir die Möglichkeit, mittels unseres Ausbildungsprogramms der »Feminist Academy« eine neue Generation feministischer Aktivistinnen und Gender-Expertinnen zu fördern.
Insbesondere durch unseren Sexualkundeunterricht engagieren wir uns für die Bekämpfung und Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt. In den Schulstunden führen wir Kinder bereits früh an das Thema Geschlechtergerechtigkeit heran. Dies trägt dazu bei, dass zukünftige Generationen informierter sind und ein tieferes Verständnis für diese Thematik entwickeln.
2 2023 gegründetes Beratungsgremium für das Ministerkabinett, das die Legislative für die Zeit nach dem Kriegsende zivilgesellschaftlich begleiten soll.

Werden in den überwiegend männlich besetzten Strukturen wie Militär, Polizei, Sicherheitsbehörden gezielte Anstrengungen unternommen? Wie gehen die Männer in diesen Strukturen damit um?
Die NGO Divchata arbeitet nicht mit militärischen Strukturen zusammen, beobachtet aber sehr genau die Situation bei der Gleichstellung in den bewaffneten Organen der Ukraine. Zehntausende Frauen dienen derzeit in der ukrainischen Armee. Erst kürzlich wurde eine Frauenkampfuniform offiziell eingeführt. Das war lange Zeit ein großes Problem und Hindernis für die Frauen im Dienst. Von staatlicher Seite wurde vorher nichts Geeignetes bereitgestellt.
Schutzausrüstung, die auf die Bedürfnisse und die Anatomie von Frauen zugeschnitten ist, wie beispielsweise Splitterschutzwesten, bleibt jedoch weiterhin eine Herausforderung.
Ungeachtet dessen kooperieren wir mit bestimmten staatlichen Strukturen, insbesondere in den Bereichen Reaktion – auf und Sensibilisierung für geschlechtsspezifische Gewalt. Wir führen Schulungen für verschiedene Polizeiund Strafverfolgungsbehörden zur einfühlsamen Kommunikation mit Opfern und zur Steigerung des Bewusstseins über geschlechtsspezifische Gewalt durch. Wir sehen einen Bedarf und ein Interesse dieser Strukturen an dem Thema, was darauf hindeutet, dass deren Spezialist:innen bereit für Veränderungen sind.
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