Frauenwirtschaft – auf dem Weg zu neuen Investitionen
Saranya Devi, Projektleiterin des CTRD Trust, berichtet im WEITWINKEL Magazin, wie lokale Selbsthilfegruppen Frauen dazu ermutigen, gemeinsam zu sparen und finanzielle Verantwortung zu übernehmen. Kreditinitiativen helfen ihnen außerdem, eigene Einkommensquellen aufzubauen und wirtschaftlich unabhängiger zu werden. So wächst nicht nur ihr Eigenkapital, sondern auch das Selbstvertrauen der Frauen und damit ihre Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben.
Der Bericht erschien zunächst im entwicklungspolitischen Magazin WEITWINKEL.

Sozio-ökologische Transformation für Frauen aus ethnischen Minderheiten
Indigene Gemeinschaften, die sogenannten Adivasi, leben u.a. im westlichen Teil des Bundesstaates Tamil Nadu. Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 50.000 Menschen liegt der Frauenanteil von über fünfzig Prozent deutlich über dem indischen Gesamtdurchschnitt. Etwa ein Drittel der Bevölkerung in diesen Gebieten wird zu den sogenannten »registrierten Kasten und Stämmen« gezählt, was in der indischen Verfassung als euphemistischer Ausdruck für unterprivilegierte, »primitive« Minderheiten steht, die sich ihre jahrtausendealte Kultur, Sprachen und Lebensart bewahrt haben.
Frauen und Mädchen spielen in diesen Gemeinschaften eine wesentliche Rolle bei der Haushaltsführung, der Erziehung und Betreuung der Kinder sowie der Sicherung des Lebensunterhalts durch die Arbeit auf den Feldern und als Lohnarbeiterinnen. Trotz der Tatsache, dass auf ihren Schultern die Hauptlast bei der Bewältigung der Alltagsaufgaben liegt, ist ihr sozialer und wirtschaftlicher Status immer noch bedrückend niedrig.
Sie haben zumeist nur einen äußerst beschränkten Zugang zu Finanzmitteln, sie dürfen kaum selbst in familiären und gemeinschaftlichen Angelegenheiten entscheiden und haben so kaum Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten in finanziellen und wirtschaftlichen Fragen zu entwickeln. Viele Frauen sind abhängig von Tagelöhnerei in ungesicherten und saisonalen Arbeitsverhältnissen.
Der Centre for Tribals and Rural Development Trust (CTRD Trust) als Freiwilligenorganisation für die Entwicklung des tribalen und ländlichen Raumes versucht insbesondere Frauen und Mädchen zu ermutigen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Das fängt damit an, dass darauf hingewirkt wird, sie gezielt in finanzielle Entscheidungsprozesse einzubinden. Wir fördern die Gründung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen, vermitteln finanzielle und buchhalterische Grundkenntnisse und berufliche Fertigkeiten. Wir bereiten sie auf die Übernahme von Leitungsfunktionen vor. Wir fördern Maßnahmen zur Existenzsicherung und zum Aufbau eigener Unternehmen. Ganz wichtig ist, dass dabei die ganze Gemeinschaft für Projekte mobilisiert und eingebunden und dabei ein respektvoller Umgang miteinander gepflegt wird. Und nicht zuletzt vermitteln wir heranwachsenden Mädchen in Kursen des ARSH-Programms (Adolescence Reproductive and Sexual Health) Wissen zu Gesundheit und Sexualität.
Eines der wichtigsten Projekte, dass wir derzeit verwirklichen, trägt den programmatischen Titel »Selbster- mächtigung und nachhaltige Existenzsicherung für Frauen aus besonders gefährdeten ethnischen Gemeinschaften« (Empowerment and Sustainable Livelihoods for Women from Particularly Vulnerable Tribal Communities), dass auch von SODI gefördert wird. Im Rahmen dieses Projektes konnten wir bereits einen beachtlichen Fortschritt erreichen. In Gudalur und Palamalai gründeten sich 25 Selbsthilfegruppen, in denen insgesamt 258 indigene Frauen organisiert sind. Jede diese Gruppen hat eine feste Leitungsstruktur mit Repräsentantinnen und Moderatorinnen.

Für den Organisationsaufbau und die Entwicklung von entsprechenden Fertigkeiten wurden regelmäßige Schulungen angeboten. Themen dieser Schulungen waren die Einberufung und Durchführung von Gruppenversammlungen, Planungsfragen und die Anfertigung von Sitzungsprotokollen sowie zum Verständnis von Leitung und Dynamik von Gruppen.
Diese Gruppen halten zwei bis drei Treffen im Monat ab. Lokale Organisatorinnen moderieren die Veranstaltungen. Die Häufigkeit dieser Treffen soll sicherstellen, dass zu verhandelnde Fragen kontinuierlich und effektiv beraten und entschieden werden.
Ein wichtiger Meilenstein des Projekts war, dass 182 Frauen, die in achtzehn Selbsthilfegruppen (SHG) organisiert sind, bei der Gebietsgenossenschaftsbank (District Cooperative Bank) Konten eingerichtet haben, auf denen regelmäßig Summen auf ein Sparguthaben eingezahlt werden. Innerhalb eines nur kurzen Zeitraums von sechs Monaten wurden darauf als Gruppensparbetrag 40.950 Lakh eingezahlt (455 Euro; zum Vergleich: Das durchschnittliche Jahreseinkommen einer Familie in dieser Region liegt bei 26.734 Lakh).
Dieser konkrete Erfolg zeitigte dabei weitere qualitative Fortschritte. Er veranschaulichte, wie nützlich Kenntnisse des Finanzwesens sind, und sensibilisierte dafür, sich weiteres Wissen anzueignen. Die beteiligten Frauen gewannen Selbstbewusstsein in ihre Kompetenz in Geldangelegenheiten und gingen damit die ersten Schritte in Richtung finanzieller Unabhängigkeit und Absicherung.
Dass die Frauen sich daran gewöhnt haben, regelmäßig auf Sparkonten einzuzahlen, ist gar nicht hoch genug zu schätzen. Diese Guthaben bilden die Grundlage dafür, dass in den Selbsthilfegruppen interne Kredite vergeben werden können, dass externe Kredite beantragt sowie Investitionen in Maßnahmen zur Sicherung des Lebensunterhalts getätigt werden können.
Dadurch beginnt sich auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern innerhalb der Gemeinschaften zu verändern. Die Männer erkennen schrittweise an, dass der Beitrag der Frauen zur Gemeinschaft wesentlich ist, sie sehen diese noch mal mit anderen Augen, vor allem als Leistungsträgerinnen in monetären Fragen. Dennoch bestehen die alten Vorstellungen von den Geschlechterrollen fort, und es braucht langanhaltendes Engagement, um Veränderungen voranzutreiben und zu etablieren.
Es gibt noch viel zu tun: Wir wollen die Zahl von derzeit fünfundzwanzig Selbsthilfegruppen auf 170 erhöhen, um eine viel größere Anzahl von Frauen aus den indigenen Gemeinden zu erreichen. Wir wollen mehr Schulungen zu unternehmerischer Tätigkeit, Geschäftsplanung und Wertschöpfung anbieten. Für die von den Frauen entwickelten Produkte sollen dauerhafte Marktbeziehungen geschaffen werden. Und natürlich müssen der Zugang von Mädchen zu Bildung, Aufklärung und Möglichkeiten zur Entwicklung ihrer Fähig- und Fertigkeiten verbessert werden.
In den nächsten zehn Jahren wollen wir mit den geplanten 170 Selbsthilfegruppen ein starkes Netzwerk selbst- bestimmter Frauen schaffen. Lokale Verbände würden dieses Netzwerk zu verstetigen helfen. Wir wollen frauengeführte Unternehmen fördern, die sich auf lokale Ressourcen und traditionelles Wissen stützen. Letztlich soll sich ein ganzes System stabiler Marktbeziehungen und Wertschöpfungsketten etablieren.
Wir arbeiten an weiteren Programmen zur Unternehmens- und Kompetenzentwicklung. Umlaufmittelfonds sollen entwickelt werden, bei denen zurückgezahlte Kredite umgehend in neue Projekte fließen und Startmittel schneller akkumuliert werden kann. Wir wollen den Frauen bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und bei Betriebsgründungen zur Seite stehen.
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