Tschernobyl nicht vergessen

„Durch die größere Körperoberfläche und das noch nicht adäquat ausgeprägte Immunsystem sind Kinder und Jugendliche für die Auswirkungen von Radioaktivität besonders anfällig“, erklärt Dr. Alex Rosen, Kinderarzt und Mitglied IPPNW (Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges).
Ausgangssituation
Am 26. April 1986 – um 01:23 Uhr geriet die atomare Kettenreaktion in Block 4 des AKW Tschernobyl auf dem Gebiet der heutigen Ukraine außer Kontrolle. Über 40 Jahre liegt der Schatten der Tschernobyl-Katastrophe schon über weiten Gebieten von Belarus. Bis zu 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags fielen in diesem Land. Dies führt bis heute zu gesundheitlichen Belastungen, vor allem bei Kindern. „Durch die größere Körperoberfläche und ein noch nicht adäquat ausgeprägtes Immunsystem sind Kinder und Jugendliche für die Auswirkungen von Radioaktivität besonders anfällig“, erklärt Dr. Alex Rosen, Kinderarzt und Mitglied IPPNW (Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges). Die unmittelbar freigesetzte Strahlung führte zu genetischen Schäden, die das Erbgut belasten. Die kontaminierten Böden sind bis heute eine Gefahr, die über lokal erzeugte Lebensmittel die Gesundheit, vor allem von Kindern und Jugendlichen, gefährdet. Meist leiden die Betroffenen unter Lungen- und Blutkrebs oder an Herz-Kreislauferkrankungen. Die anhaltende Belastung ruft auch vermehrt Behinderungen hervor.
Im November 1990 traf die erste Hilfslieferung von SODI für Krankenhäuser und Kinderheime in Belarus ein. Damit ist dies unser längster kontinuierlicher Hilfseinsatz. Unser Dank gilt den zahlreichen Aktiven, die diese Solidaritätsarbeit über Jahrzehnte getragen haben. Mit ihrem Einsatz haben sie es ermöglicht, dass seit über 35 Jahren Hilfe die vom Reaktorunfall Betroffenen erreicht. Patenschaften für einzelne Kinder haben dringend notwendige medizinische Behandlungen finanziert. Über Spendensammlungen wurden für Kinder Erholungskuren in nichtbelasteten Gebieten ermöglicht.





Aufklärung, Messungen und Erholungskuren
Das unabhängige Strahleninstitut BELRAD, welches sich der Aufklärung und dem Kampf gegen die atomare Verstrahlung nach Tschernobyl verschrieben hat, führt seit 1996 in den Gebieten Gomel, Brest, Mogilew, Minsk und Witebsk Untersuchungen von Kindern und deren Nahrung durch. So konnten die besonders belasteten Kinder in Erholungsurlaube geschickt, Aufklärungsveranstaltungen und Strahlenmessung an Schulen sowie Pektinkuren zur Reduktion der Strahlenbelastung durchgeführt werden.
Mittels einer mobilen Messstation werden die betroffenen Familien über gesunde, unbelastete Lebensmittel aufgeklärt und erhalten Gesundheitsberatungen.
Zudem wurde eine Langzeitstudie über das Leben in den strahlenbelasteten Gebieten z. B. im Dorf Otwerschitschi umgesetzt. Die Studie berichtet über den Gesundheitszustand der Bevölkerung und macht auf die Problematik aufmerksam.
Erinnern für die Zukunft
An die Gefahren von ziviler und militärischer Nutzung von Atomkraft zu erinnern, ist von Anfang an eine wichtige Säule der Arbeit von SODI in Deutschland. Zahlreiche Veranstaltungen in der jährlich stattfindenden "Tschernobyl-Woche" verbinden Aufklärungsarbeit in Ausstellungen, Benefizkonzerte und Vorträgen mit dem Sammeln von Spenden für die Betroffenen Kinder und Jugendlichen in Belarus. Getragen wird diese Arbeit vor allem von den ehrenamtlich aktiven der SODI-Gruppen entlang der Oder. Sie betreuen zudem Kooperation mit Schulen wie der Gesamtschule 3 mit gymnasialer Oberstufe in Eisenhüttenstadt. Dort engagieren sich Schüler:innen seit vielen Jahren mit Spendenläufen und eigenen Aktionen.

Ulrike Pusch
Programm-Managerin Ost- und Südosteuropa, Zentralasien und Nicaragua
Ulrike.Pusch@sodi.de




