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02.05.2018

Fair und nachhaltig in der Lieferkette

Im April diskutierten Vertreter*innen von Lebensbaum, Blyss chocolate und El Puente mit dem Vertreter der Tribal Tea Producer Company, einer indischen Teekooperative der Adivasi Minderheit, über fairen Handel und zukunftsorientierte Ansätze in der landwirtschaftlichen Zusammenarbeit sowie in Lieferketten.

Sechs Personen sitzen auf dem Podium und diskutieren

Alyssa Jade McDonald-Bärtl, Anna Wolf, Henning Osmers-Rentzsch und Ramaswamy Ranganathen diskutieren im taz Cafè © SODI

Indischer Podiumsgast stellt sein Projekt auf Podium vor

Moderatorin Urte Töpfer spricht mit CTRD-Direktor Ramaswamy Ranganathen aus Indien © SODI

Was bedeutet fair und nachhaltig in der Lieferkette konkret? Wie sieht beispielsweise eine faire Produktionsstätte für ökologischen Grüntee in Südindien aus? Was können hierzulande Unternehmer*innen und Konsument*innen für mehr Fairness und Gerechtigkeit auf den globalisierten Märkten tun?

Am 18. April diskutierten Alyssa Jade McDonald-Bärtl, von Blyss chocolate, Henning Osmers-Rentzsch, von Lebensbaum, Anna Wolf, von El Puente, und der Direktor und Mitbegründer von SODIs Partnerorganisation CTRD, Ramaswamy Ranganathen, in Berlin. Beleuchtet wurden die Perspektiven des Fairen Handels, die Lebenssituation der Kleinbauern und -bäuerinnen sowie die Handlungsmöglichkeiten einer nachhaltigen, gemeinwohlorientierten Wirtschaft.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der „Berliner Unternehmensgespräche“ von UnternehmensGrün e.V., Gemeinwohlökonomie Berlin und taz, die Tageszeitung statt. Kooperationspartner des Abends war SODI e.V. Unterstützt wurde die Diskussion durch die Moderation von Urte Töpfer, Gemeinwohlberaterin, sowie durch die Übersetzungen von Annekathrin Morlok.

Partnerschaft auf Augenhöhe

Schnell wurde klar, dass es keine starre Perspektive des Globalen Nordens sein darf, die über die Lebenssituation und Produktionsweise der Bäuerinnen und Bauern des Globalen Südens entscheidet. Die Lebensrealitäten müssen bei der Fest- und Umsetzung von fairen und sozial verantwortlichen Richtlinien berücksichtigt werden. Alle Unternehmer*innen betonten eine Partnerschaft auf Augenhöhe, in der soziale Standards und eine ökologische Anbauweise die Positionen der Produzenten stärken. So seien die Beziehungen zu den Kleinbauern durch Zwischenhändler und andere Strukturen oft so verschleiert, dass man gar nicht die realen Verhältnisse vor Ort erkennen könne, kritisierte Henning Osmers-Rentzsch die derzeitige Situation. Lebensbaum strebe deshalb langjährige direkte Partnerschaften an, die faire Bedingungen achten. Auch bei El Puente sollen bestimmte Mechanismen eine enge und direkte Zusammenarbeit ermöglichen, sodass man beispielsweise in Rücksprache mit den lokalen Landwirt*innen eine gerechte Entlohnung erarbeite, erklärte Anna Wolf.

Zukunftsperspektiven schaffen und nachhaltige Landwirtschaft etablieren

Aber auch Probleme wie die schwindende Attraktivität des landwirtschaftlichen Berufs und die damit einhergehende Abwanderung vieler junger Menschen sei eine Herausforderung, der es sich zu stellen gilt. „Arbeiten wir jetzt nicht an nachhaltigen Lösungen für bessere Bedingungen in der Landwirtschaft, merken wir in 10 bis 20 Jahren, dass uns die Menschen in diesen Berufen fehlen“, bemerkt Henning Osmers-Rentzsch.

Für eine Verbindung von besseren Lebensstandards und einer nachhaltigen Landwirtschaft setzt sich auch Ramaswamy Ranganathen in der südindischen Teekooperative der Adivasi-Minderheit ein. Der ökologische Teeanbau geht hier einher mit der sozialen Stärkung der Adivasi-Gemeinschaft und vor allem der Frauen. Durch die Organisation in einer Kooperative verbessert sich ihre soziale Situation. Nun ist den Adivasi ein Zugang zu staatlichen Leistungen, wie Unfallversicherungen und Stipendien für Schulbesuche gegeben. Der ökologische Anbau von Grüntee in Mischkulturen, der Einsatz von Panchakavya, einem traditionellen ökologischen Dünger, und die Funktion der Frauen als Multiplikatorinnen für ökologische Anbaumethoden, zeigen Wirkung. „Wir konnten unsere Erträge verdoppeln und sind mit unserer eigenen neuen Teefabrik unabhängig von den Zwischenhändlern, die oft zu ihrem Vorteil den Tee falsch wogen“, erzählt Ramaswamy Ranganathen, der früher selbst Teepflücker war. Die Tribal Tea Producer Company strebt nun eine Fair-Trade-Zertifizierung an. Ranganathen knüpfte dafür auf seiner Reise in Deutschland erste Handelskontakte für den Vertrieb des Adivasi-Tees „Ippi Malai“. Es wäre der erste faire, organische Grüntee, der nur von Adivasi angebaut, verarbeitet und vermarktet wird.

Die guten Erfahrungen mit dem ökologischen Teeanbau bestätigten auch die Unternehmer*innen auf dem Podium. Die konventionellen indischen Teeplantagen seien von schlechter Bodenqualität und Erosion betroffen, sodass man einen hohen Aufwand für die gewünschten Erträge betreiben müsse. Bio-Tee verbessere hingegen die Bodenqualität. Der hochwertige Boden bindet nicht nur CO2 und schützt damit das Klima, sondern sichert gleichzeitig die Pflanzen vor den Folgen des Klimawandels, wie extremen Wetterereignissen. „Langfristig kostet Bio-Tee wegen seiner Nachhaltigkeit also weniger“, berichtete Henning Osmers-Rentzsch von Lebensbaum.

Eine weitere wichtige zukunftsorientierte Perspektive seien digitale Lösungen, sagte Alyssa Jade McDonald-Bärtl. So ginge es auch um die Implementierung neuer digitaler Lösungen, die eine Wissensverbreitung und Vernetzung ermöglichen. Auch die Adivasi-Teekooperative setzt bereits digitale Technologie in ihrer Arbeit ein. Mittels GPS-Daten werden die benötigen Informationen erstellt und an die indische Ökozertifizierungsstelle INDOCERT übermittelt. Auch der regelmäßige Zugang zu Wetter-Apps ist wichtig für die ausreichende Speicherung von Regenwasser zur Bewässerung der Felder. In einer Messenger-Gruppe tauschen sich die Trainer*innen der landwirtschaftlichen Schulungen über nachhaltige Techniken der ökologischen Landwirtschaft aus und halten sich somit auf dem Laufenden.

Trotz der vielen konkreten Maßnahmen stand die Sinnhaftigkeit von Zertifikaten für manche Menschen im Publikum in Frage. Anna Wolf, von El Puente hält die Authentizität einer Handelspartnerschaft hoch: „Transparenz und ehrliche Unternehmen sind wichtig.“ Dennoch müsse man Zertifikate immer mit dem Streben nach soliden, langjährigen Partnerschaften verbinden, um nachhaltige Perspektiven zu schaffen. Zertifikate würden dafür sorgen, dass ökologische und soziale Mechanismen attraktiv für Unternehmer*innen werden. Hierzu gehöre auch eine regelmäßige Kontrolle und Schulungen. Nicht zuletzt seien Zertifikate auch wichtige Orientierungspunkte für die Menschen, die qualitativ hochwertige Produkte kaufen sollen.

Nach einem Abend voller spannender Perspektiven wurde klar: Faire und nachhaltige Lieferketten fangen bei einer Partnerschaft auf Augenhöhe an und setzen sich in sozialen und ökologischen Standards fort. Nur eine stabile, gerechte und langjährige Handelspartnerschaft ermöglicht den Kleinbauern und -bäuerinnen eine faire Zukunftsperspektive.

Stärken Sie jetzt die Adivasi in ihrer eigenen Teekooperative.